Predigt über Johannes 2,1-11

Als Predigttext hören wir aus dem 2. Kapitel des Johannesevangeliums die Verse 1-11,  die Geschichte von der Hochzeit in Kana.

1 Und am dritten Tage war eine Hochzeit zu Kana in Galiläa, und die Mutter Jesu war da. 2 Jesus aber und seine Jünger waren auch zur Hochzeit geladen.

3 Und als der Wein ausging, spricht die Mutter Jesu zu ihm: Sie haben keinen Wein mehr.

4 Jesus spricht zu ihr: Was habe ich mit dir zu schaffen, Frau? Meine Stunde ist noch nicht gekommen.

5 Seine Mutter spricht zu den Dienern: Was er euch sagt, das tut.

6 Es standen aber dort sechs steinerne Wasserkrüge für die Reinigung nach jüdischer Sitte, und in jeden gingen zwei oder drei Maße.

7 Jesus spricht zu ihnen: Füllt die Wasserkrüge mit Wasser! Und sie füllten sie bis obenan.

8 Und er spricht zu ihnen: Schöpft nun und bringt's dem Speisemeister! Und sie brachten's ihm.

9 Als aber der Speisemeister den Wein kostete, der Wasser gewesen war, und nicht wusste, woher er kam – die Diener aber wussten's, die das Wasser geschöpft hatten –, ruft der Speisemeister den Bräutigam 10 und spricht zu ihm: Jedermann gibt zuerst den guten Wein und, wenn sie trunken sind, den geringeren; du aber hast den guten Wein bis jetzt zurückgehalten.

11 Das ist das erste Zeichen, das Jesus tat. Es geschah zu Kana in Galiläa, und er offenbarte seine Herrlichkeit. Und seine Jünger glaubten an ihn.

 

 

Liebe Gemeinde!

"Wenn Gott gute, große Hechte und guten Rheinwein erschaffen hat, dann darf ich sie wohl auch essen und trinken." Dieser Meinung war auf jeden Fall Marin Luther. Der Reformator war ein geselliger Mensch, der die Freuden des Lebens zu schätzen wusste - insbesondere auch die Braukunst seiner Frau Käthe. Und Luther war sich sicher: Wenn man mit lieben Freunden zu einem leckeren Essen beieinander sitzt und es sich gut gehen lässt, dann hat Jesus Christus nichts dagegen. Im Gegenteil, dann ist er selbst auch mit dabei.

In unserem Predigttext erfahren wir, dass Jesus gerne auf Festen war und oft mit anderen gut gegessen hat. „Fresser und Weinsäufer“ haben ihn deshalb seine Gegner auch genannt. Mir dagegen ist diese Seite Jesu sehr sympathisch: Er will, dass wir uns am Leben und den Gaben Gottes freuen. Jesus war alles andere als ein Spielverderber oder weltabgewandter Asket.

Und was gibt es Schöneres zu feiern als eine Hochzeit? In einer Welt, die von so vielen Unsicherheiten geprägt ist und die von so vielen „Vielleichts“ bestimmt wird, ist es allemal ein Fest, wenn zwei Menschen zueinander eindeutig Ja sagen. Wo aber die Liebe gefeiert wird, da soll es an nichts fehlen. Da soll aufgefahren werden, was Küche und Keller hergeben. Da soll es fröhlich zugehen und unbeschwert – der graue Alltag kommt schon früh genug wieder. Auch Jesus, seine Mutter Maria und seine Jünger tauchen voll ein in die Hochzeit, die da in Kana gefeiert wird mit Essen und Trinken, Musik und Tanz.

 

Doch dann geht auf dem Höhepunkt des Festes plötzlich der Wein aus. Eine jüdische Hochzeit ohne Wein aber – das war damals undenkbar. Denn Wein war zur Zeit Jesu Symbol der Freude und Zeichen göttlichen Segens. Ging er zur Neige, war das Fest zu Ende.

Noch haben die Hochzeitsgäste vielleicht einen letzten Schluck im Becher und ahnen nichts vom drohenden Abbruch des Festes. Aber Maria hat etwas davon mitbekommen, dass der Wein ausgegangen ist. Jetzt kann nur noch ein Wunder helfen – und wer, wenn nicht Jesus, könnte ein solches tunt? In ihrem Mitleid mit dem Brautpaar und in ihrer Sorge um den Fortgang des Festes wendet Maria deshalb hilfesuchend an ihren Sohn. Jesus aber lässt sein Mutter erst einmal ganz schön abblitzen: Was habe ich mit dir zu schaffen, Frau? Meine Stunde ist noch nicht gekommen.

 

Geht man so mit seiner eigenen Mutter um? Da stockt einem schon erst einmal der Atem, wenn man diese schroffe Antwort Jesu hört. Aber spiegelt sich darin nicht auch eine Erfahrung unseres Glaubens wider? Wie oft versuchen wir, Gott so für unsere Interessen in Anspruch zu nehmen? Sicher, Maria tut das in bester Absicht – so wie wir wahrscheinlich häufig auch. Freilich: Soll Gott zum Lückenbüßer werden, wenn uns etwas fehlt? Gibt es so etwas wie Wunder auf Bestellung, damit unsere Bedürfnisse befriedigt werden? Genau dagegen wehrt sich Jesus mit allem Nachdruck. Er weiß sehr wohl, was wir brauchen und was uns guttut. Aber nicht wir bestimmen, wann und wie Gott einzugreifen hat, sondern es steht in seiner Freiheit, den rechten Zeitpunkt zu bestimmen. Deshalb stehen alle unsere menschlichen Wünsche und Bitten an Gott immer unter dem Vorbehalt, zu dem Jesus selbst sich im Garten Gethsemane durchringen musste: „Nicht wie ich will, sondern wie du willst!“

 

Liebe Gemeinde!

Maria hat das verstanden. Und Jesu Mutter wird uns darin zum Vorbild, wenn sie die Diener anweist: Was er euch sagt, das tut.

Glauben heißt Vertrauen. Maria hat die Gewissheit, dass Jesus die Not sieht und helfen wird. Wie und wann das geschieht, überlässt sie getrost ihrem Sohn. Aber sei hält sich bereit und weist andere darauf hin, woher Hilfe kommen wird.

 

Und tatsächlich greift Jesus dann auch ein. Er befiehlt den Dienern, die bereitstehenden Wasserkrüge zu füllen. Nur damit wir nachher stauen können: Die Maßangaben in unserem Predigttext bedeuten umgerechnet etwa 600 Liter – von der Fülle der Gnade Gottes in Jesus Christus hat auch schon der Wochenspruch geredet!

 

Wieder ist mir ein Detail wichtig: Wunder geschehen meistens nicht ohne menschliche Mitwirkung. Ein Stück weit können wir ihnen den Boden bereiten. Die Diener hätten sich ja auch einfach den Kopf über diese verrückte Idee Jesu schütteln können: Warum sollten sie die Schwerstarbeit leisten und Unmengen Wasser herbeischaffen, wo es doch bei dieser Hochzeit ganz andere Probleme gab?! Aber offensichtlich hatten sie Vertrauen gefasst zu Jesus und taten, was in ihrer Macht stand. Auch die Diener können uns deshalb zum Vorbild werden: Wir sollen als Christinnen und Christen nicht einfach die Hände in den Schoß legen und in falsch verstandener Demut auf das Eingreifen Gottes warten. Sondern was uns Menschen möglich ist, um etwas zum Guten zu wenden, das sollen wir dann auch tun. Denn Gott will durch uns wirken und handeln, damit es Leben in Fülle gibt.

 

Dennoch: Bei allem, was die Diener tun können, bleibt am Ende Wasser doch Wasser und wird trotz aller Anstrengung nicht zu Wein. Auch das müssen wir uns eingestehen: Ohne Gottes Segen ist unser Tun vergebens.

In der Geschichte von der Hochzeit zu Kana freilich erfahren die Menschen, wie Gott durch Jesus Leben in Fülle und überreiche Freude schenkt: Aus dem Wasser wird ein Wein, der an Qualität alles übertrifft – so herrlich schmeckt er, dass der Speisemeister dem Bräutigam sogar Vorwürfe macht: Die Gäste könnten doch diesen brillanten Wein gar nicht mehr würdigen, weil sie doch vom Fusel vorher schon betrunken seien … Ich finde, der Evangelist Johannes beschreibt hier mit einem Augenzwinkern wunderschön, wie großartig der Schöpfer für uns sorgt und uns beschenkt!

 

Liebe Gemeinde!

Unsere Geschichte erzählt nichts davon, ob die Gäste denn etwas von der Verwandlung des Wassers in Wein mitbekommen haben. Nicht einmal der Speisemeister und der Bräutigam scheinen verstanden zu haben, was da geschehen ist und wem sie zu danken haben. Aber von den Jüngern Jesu wird berichtet, dass sie durch dieses Wunder seine Herrlichkeit erkannt haben und an ihn glaubten. Ganz unverhofft wurde der Mangel behoben und das Hochzeitsfest gerettet. Sicher haben auch die Jünger den Wein genossen und waren froh, mit dem Brautpaar weiterfeiern zu können. Aber vor allem haben sie durch die wunderbare Verwandlung von Wasser in Wein erkannt, dass dieser Jesus uns Leben in Fülle schenken kann. Darin können auch sie uns zum Vorbild im Glauben werden – so, wie Dietrich Bonhoeffer es einmal geschrieben hat: „Dem Dankbaren wird alles zum Geschenk, weil er weiß, dass es für ihn überhaupt kein verdientes Gut gibt.“

 

So lassen Sie auch uns dankbar in das Lob Jesu einstimmen in das Lied, das wir gleich von der Orgel hören werden (EG 398,1) – auch wenn wir es zur Zeit nur still dürfen:

In dir ist Freude in allem Leide,

o du süßer Jesu Christ!

Durch dich wir haben himmlische Gaben,

du der wahre Heiland bist;

hilfest von Schanden, rettest von Banden.

Wer dir vertrauet, hat wohl gebauet,

wird ewig bleiben. Halleluja.

Zu deiner Güte steht unser G’müte,

an dir wir kleben im Tod und Leben;

nichts kann uns scheiden. Halleluja.

Amen

 

 

Predigt zum Jahreswechsel von Pfarrer Friedemann Glaser

Predigt über 2. Mose 13,20-22

Als Predigttext hören wir Worte aus dem 13. Kapitel des 2. Mosebuches. Das Volk Israel war unter der Führung Moses aus Ägypten ausgezogen und wanderte nun dem verheißenen Land entgegen. Es sollte ein langer und gefährlicher Weg werden. Und doch war Gott immer an der Seite seines Volkes, wie uns die Verse 20-22 erzählen:

20 So zogen sie aus von Sukkot und lagerten sich in Etam am Rande der Wüste.

21 Und der HERR zog vor ihnen her, am Tage in einer Wolkensäule, um sie den rechten Weg zu führen, und bei Nacht in einer Feuersäule, um ihnen zu leuchten, damit sie Tag und Nacht wandern konnten.

22 Niemals wich die Wolkensäule von dem Volk bei Tage noch die Feuersäule bei Nacht.

 

Liebe Gemeinde,
endlich frei: Endlich lagen die Sklaverei in Ägypten und die Unterdrückung durch den Pharao hinter dem Volk Israel. Und vor ihm ein selbstbestimmtes Leben in Freiheit. Welch ein glücklicher Moment für Mose und die Israeliten. Ganz neue Lebensperspektiven taten sich da nun für die Zukunft auf!

 

Wie wenig selbstverständlich allerdings ein selbstbestimmtes Leben und gesellschaftliche Freiheit sind, das haben wir im zu Ende gegangenen Jahr 2020 durch die Corona-Pandemie erfahren. Und dabei ging es uns in Deutschland noch relativ gut – das sollten wir nicht vergessen. Trotzdem: Die zum Teil harten Maßnahmen zur Eindämmung der Covid19-Infektionen haben unser Leben bestimmt. Wer von uns hätte sich vor einem Jahr schon vorstellen können, dass wir unsere Kontakte auf ein Minimum beschränken müssen? Dass wir Sperrstunden haben, in denen man nicht ohne ernsthaften Grund draußen sein darf? Dass Gaststätten, Läden, Theater, Museen, Fußballstadien und vieles andere mehr über Wochen einfach geschlossen werden? Dass wir im Bereich der Schulen, der Vereine, aber auch der Kirchengemeinden nie sicher planen konnten, sondern oft von einem Tag auf den anderen allen Konzeptionen über den Haufen schmeißen und von vorne beginnen mussten? Das alles war und ist anstrengend – und bei vielen von uns liegen deshalb auch die Nerven blank. Ich merke an mir selbst, wie ich durch all diese Einschränkungen und Ungewissheiten dünnhäutiger geworden bin. Dennoch: Mit all diesen äußerlichen Zwängen können wir irgendwie leben und uns letztlich arrangieren.

 

Schwieriger aber waren und sind die Folgen der Corona-Verordnungen im zwischen-menschlichen Bereich: Da ist die Bekannte, deren Mann in ganz wenigen Tagen an Covid19 verstorben ist. Als er im Sterben lag, durfte ihn seine Frau aus Hygienegründen nicht im Krankenhaus besuchen, und an seiner Beerdigung durfte sie nicht teilnehmen, weil sie in Quarantäne war. Wer begreift das?

 

Oder ich denke jetzt an die beiden Geschwister, die sich heillos darüber zerstritten haben, ob man den alten Vater an Weihnachten besuchen darf oder nicht. Die Schwester mit Familie wollte unbedingt zu ihm, damit er am Heiligen Abend nicht alleine sein musste. Der Bruder dagegen warf ihr vor, so den gesundheitlich angeschlagenen Vater in Gefahr zu bringen, weil doch sie und ihr Mann beruflich mit vielen Menschen und damit also auch mit vielen potentiellen Virenträgern zu tun haben. Was ist da nun richtig? Die beiden Beispiele zeigen, wie unbarmherzig Corona mitunter unser Leben 2020 geprägt hat.

Hoffnung für das neue Jahr macht nun, dass mit den Impfungen gegen Covid19 begonnen wurde. Vielleicht normalisiert sich dadurch im Laufe der ersten Monate 2021 unser Leben wieder einigermaßen. Wenn es denn ein einfaches Zurück vor Corona überhaupt gibt – noch wissen wir ja auch nicht, welche gesellschaftlichen und psychischen Folgeschäden die Pandemie angerichtet hat.

Liebe Gemeinde, an diesem Jahreswechsel 2020 – 2021 sind wir also in einem ähnlichen unsicheren Zwischenstadium, wie es das Volk Israel damals nach seinem Auszug in Ägypten war. Noch lag ein langer Weg bis zum gelobten Land vor den Israeliten – und dieser Weg führte mitten durch die Wüste. Um dafür Kraft zu schöpfen, lagerte Israel an deren Rand in Etam. So, wie wir vielleicht in diesen Tagen des zweiten Lockdowns noch einmal Luft holen für den Kampf gegen das Corona-Virus.

 

In dieser schwierigen Situation braucht es Vergewisserung. Und Israel bekommt solche Vergewisserung ganz handfest: Gott selbst will vor seinem Volk herziehen und ihm die Richtung weisen – am Tag durch eine Wolke und in der Nacht mit einer Feuersäule. Und auch uns sagt Gott an diesem besonderen Jahreswechsel zu, dass er mit uns gehen und bei uns sein wird. Gott lädt uns ein, ihm zu vertrauen und uns von ihm leiten zu lassen. In einer Geschichte aus China heißt es: Ich sagte zu dem Engel, der an der Pforte des neuen Jahres stand: Gib mir ein Licht, damit ich sicheren Fußes der Ungewissheit

entgegengehen kann! Aber er antwortete: Gehe nur hin in die Dunkelheit und lege deine Hand in die Hand Gottes! Das ist besser als ein Licht und sicherer als ein bekannter Weg!

Meine Hand in die Hand Gottes legen.

Darauf vertrauen, dass er für mich die Richtung weiß. In der Corona-Krise haben wir vielleicht auch manche Wegweisungen Gottes neu entdeckt: Zum Beispiel den Wert persönlicher Begegnungen, einer Umarmung, eines leibhaftigen Gesprächs – was keine E-Mail, keine WhatsApp und keine Videokonferenz ersetzen können, so wichtig sie auch in Krisenzeiten sein mögen. Oder den Wert von nüchternem, pragmatischem, vernunftgeleitetem politischem Handeln, das uns besser durch die Pandemie geleitet hat als populistische Parolen oder verquere Verschwörungstheorien. Oder vielleicht auch der heilsame Zwang während des Lockdowns, mich mir selbst stellen zu müssen, weil da ja plötzlich Zeit war und ich mich nicht mehr in die Arbeit oder in Unterhaltungsangebote flüchten konnte. Gebe uns Gott, dass wir solche Richtungshinweise auch ernst nehmen!

Liebe Gemeinde, Gott geht mit uns. Wir sind nicht allein auf unserem Weg. Manchmal wünschten wir uns vielleicht, Gott möge uns so sichtbar begleiten wie das Volk Israel damals mit der Wolke und der Feuersäule. Solch eindeutige Vergewisserung haben wir aber nicht – deshalb nehmen wir Gottes Begleitung manchmal auch in Anspruch, wenn wir auf gottlosen Wegen gehen: Auf dem Koppelschloss der deutschen Wehrmacht im II. Weltkrieg etwa stand neben dem Hakenkreuz die Aufschrift „Gott mit uns“ …

 

Was für das Volk Israel damals die Wolke und die Feuersäule waren, ist für uns als Christinnen und Christen die Person Jesu. Er trägt den Ehrennamen „Immanuel“ – das heißt übersetzt nichts anderes als „Gott mit uns“. Im Menschen Jesus kommt Gott uns ganz nahe und teilt Höhen wie Tiefen unseres Lebens.

Wo wir uns an diesen Jesus halten, da spüren wir Gottes Liebe zu uns Menschen. Da erleben wir, wie Gott Ja sagt zu uns. Da bekommen wir neue Kraft für die Aufgaben, vor die wir gestellt werden. Da wachsen wir in der Gewissheit, dass nichts und niemand uns von Gott trennen kann – nicht einmal der Tod.

 

Und wo wir uns an Jesus halten – an den „Immanuel“, den „Gott mit uns“ -, da bekommen wir dann auch Orientierung für unser Leben und Handeln. Denn er hat uns vorgelebt, dass Beziehungen immer wichtiger sind als das eigene Rechthaben; dass Menschen noch einmal von vorne beginnen können, auch wenn sie ihr bisheriges Leben verpfuscht haben; dass Rücksicht auf die Bedürfnisse meines Nächsten weiter bringt, als meine persönliche Freiheit ungehemmt auszuleben. Lassen Sie uns immer wieder an diesem Jesus ein Beispiel nehmen gerade jetzt, wenn wir die Weichen stellen für ein Leben nach der überstandenen Corona-Pandemie!

 

Wir kommen von Weihnachten her. Mit dem Kind im Stall von Bethlehem vergewissert uns Gott, dass er für immer an unserer Seite gehen wird. Rudolf Otto Wiemer beschreibt das so:

Gott geht durch die Zeiten

Gottes Füße schreiten

leiser als der Stundenschlag

Gott kommt jeden Tag.

 

Gott geht durch die Zeiten

alle Dunkelheiten

alle Tränen bleiben nicht

Gott ist lauter Licht.

 

Gott geht durch die Zeiten

will auch uns geleiten

hat die Krippe aufgestellt

mitten in der Welt. Amen

 

 

Predigt über Matthäus 11,1-10 von Pfarrer Friedemann Glaser

Liebe Gemeinde,
„Warten auf das Christkind“ – so hieß früher eine Sendung an Heilig Abend im Radio, später dann auch im Fernsehen, mit der für die Kinder die Zeit bis zur Bescherung überbrückt werden sollte. Während sie mit besinnlichen Weihnachtsgeschichten und traditionellen Weihnachtsliedern unterhalten wurden, konnten die Eltern noch den Baum schmücken oder die letzten Vorbereitungen in der Küche treffen. Eine ganz hilfreiche Sendung also, die viel innerfamiliären Stress an den Feiertagen verringerte. Es gibt auch ein Gedicht mit dem Titel „Warten auf das Christkind“:

Wir warten auf das Christuskind,

es kommt zu uns bestimmt geschwind`,

verbreitet dabei seinen Segen,

begleitet uns auf allen Wegen.

Zum großen Erlebnis wird unser Fest,

auf das es sich gut warten lässt.

Die Straßen erglänzen im Lichtermeer,

wir freuen uns doch schon so sehr.

Alle Adventskerzen strahlen in voller Pracht,

dem Heiligen Abend wird gedacht.

Wenn der Tisch mit schönen Gaben gedeckt,

ist unser gemeinsames Glück perfekt.

 

Wohl bringt das Christuskind nach diesem Weihnachtsgedicht auch Segen und verspricht uns, immer bei uns zu sein – aber der eigentliche Höhepunkt, für den es sich zu warten lohnt, ist dann doch die festliche Weihnachtsdeko und der reich gedeckte Gabentisch. Heilig Abend als Idylle …

 

Ich will das gar nicht verurteilen. Auch ich freue mich auf ein schönes Fest im Kreis der Familie mit Weihnachtsbaum und Geschenken. Aber das Kind, auf das wir als Christen warten, bringt dann doch noch einmal mehr – so hoffen wir es auf jeden Fall.

In unserem heutigen Predigttext hören wir von einem, der ganz sehnsüchtig wartet, nämlich auf den Messias des Volkes Israel und den Retter der Welt. Johannes der Täufer, der ein Leben lang diesen Messias verkündigt hat und die Menschen auf sein Kommen vorbereiten wollte – dieser Johannes sitzt nun im Gefängnis und weiß, dass er nicht mehr lange zu leben hat. War seine Hoffnung also vergebens? Johannes will es genau wissen und schickt deshalb seine Jünger zu Jesus. Davon erzählt Matthäus im 11. Kapitel seines Evangeliums. Ich lese die Verse 1-10:

1 Und es begab sich, als Jesus diese Gebote an seine zwölf Jünger beendet hatte, ging er von dort weiter, zu lehren und zu predigen in ihren Städten.

2 Da aber Johannes im Gefängnis von den Werken Christi hörte, sandte er seine Jünger

3 und ließ ihn fragen: Bist du, der da kommen soll, oder sollen wir auf einen andern warten? 4 Jesus antwortete und sprach zu ihnen: Geht hin und sagt Johannes wieder, was ihr hört und seht:

5 Blinde sehen und Lahme gehen, Aussätzige werden rein und Taube hören, Tote stehen auf und Armen wird das Evangelium gepredigt;

6 und selig ist, wer sich nicht an mir ärgert.

7 Als sie fortgingen, fing Jesus an, zu dem Volk über Johannes zu reden: Was zu sehen seid ihr hinausgegangen in die Wüste? Ein Schilfrohr, das vom Wind bewegt wird?

8 Oder was zu sehen seid ihr hinausgegangen? Einen Menschen in weichen Kleidern? Siehe, die weiche Kleider tragen, sind in den Häusern der Könige.

9 Oder was zu sehen seid ihr hinausgegangen? Einen Propheten? Ja, ich sage euch: Er ist mehr als ein Prophet.

10 Dieser ist’s, von dem geschrieben steht: »Siehe, ich sende meinen Boten vor dir her, der deinen Weg vor dir bereiten soll.«

Liebe Gemeinde!

Ausgerechnet Johannes zweifelt: Hatte er nicht selbst bei der Taufe Jesu die Stimme Gottes aus dem Himmel gehört „Dies ist mein lieber Sohn, an dem ich Wohlgefallen habe“ (Mt 3,17)? Und sagt nicht unser Predigttext ausdrücklich, dass Johannes die Werke des Messias sah, die Jesus tat? Und doch scheint Johannes unsicher zu sein, ob dieser Jesus wirklich der Messias ist, auf den er ein Leben lang gewartet hat. Vielleicht hat Johannes einfach auch resigniert. Wer will es ihm zum Vorwurf machen – bedeutete das Gefängnis letztlich nicht das Ende all seiner Hoffnung?

 

„Ich glaube; hilf meinem Unglauben!“ (Mk 9,34) So lautet die Losung für das zu Ende gehende Jahr 2020. Das Beispiel des Johannes zeigt uns, dass der Zweifel zu unserem Glauben immer dazugehört. Ich denke, auch wir kennen solche Situationen, die wir mit unserem Vertrauen auf Gott nicht mehr zusammenkriegen: Wenn mich etwa der Ehepartner scheinbar aus heiterem Himmel verlässt und für mich mein ganzes bisheriges Leben zusammenstürzt. Wenn eine schwere Krankheit mir den Boden unter den Füßen wegzieht. Wenn der Tod eines geliebten Menschen mich einsam zurücklässt. Wo ist in diesem Moment Gott? Trägt uns dann die Hoffnung auf sein Reich noch? Hat sich mein sehnsüchtiges Warten auf Erlösung wirklich gelohnt oder hat es mich nur umso mehr enttäuscht? Ich kann gut verstehen, dass Johannes es genau wissen wollte und dass Menschen es heute genau wissen wollen, ob sich ihr Glaube an diesen Jesus wirklich auszahlt und uns im Leben tatsächlich trägt!

 

Und zugleich frage ich mich, woher eigentlich mein Anspruch kommt, dass in meinem Leben immer alles glatt laufen muss. Muss sich mein Glaube an Jesus und mein Vertrauen in ihn nicht gerade dann erst bewähren, wenn alles fraglich wird? Wenn das Bisherige mich nicht mehr hält, sondern ich nur noch etwas Neues erwarten kann? Die Adventszeit will uns ja gerade dafür sensibel machen: Dieses Kind, das da in der Heiligen Nacht in unsere Welt kommt, wird unser Leben verändern. Dann werden wir viel an Liebgewordenem und Altvertrautem über Bord werfen müssen.

Oder wie Helmut Siegel schreibt:

Entschluss

aufhören

auf das zu sehen

was ankommt

anfangen

auf den zu sehen

der ankommt

 

 

 

Liebe Gemeinde!

Glaube kann nie erzwungen werden, wir können nur dazu einladen. Wo ich aber diesem Jesus vertraue, da eröffnen sich mir neue Lebensräume. Jesus antwortet dem Johannes deshalb auch nicht: „Klar bin ich der erwartete Messias! Wie kannst Du nur daran zweifeln?“ Sondern Jesus will ihm die Augen öffnen: Blinde sehen und Lahme gehen, Aussätzige werden rein und Taube hören, Tote stehen auf und Armen wird das Evangelium gepredigt.

Das Neue hat mit Jesus schon begonnen. Was die Propheten uns verheißen haben, das wird im Mann aus Nazareth bereits greifbar. Wir erleben durch ihn immer wieder ein Stück Reich Gottes mitten in unserem Alltag. Lass Dich doch auf diese neue Sichtweise ein! Vertraue darauf, dass dieser Jesus unsere Welt verwandelt. Du wirst sehen: Diese Veränderung beginnt schon jetzt in Deinem Leben, wenn Du nur diesem Jesus vertraust.

Blinde sehen und Lahme gehen, Aussätzige werden rein und Taube hören, Tote stehen auf und Armen wird das Evangelium gepredigt.

Worauf Jesus den Täufer im Gefängnis hinweist, um seinen Glauben zu stärken, sind tatsächliche Veränderungen. Veränderungen, die zeigen, dass Gott sich nicht abfindet mit beschädigtem Leben, sondern für uns ganzes und volles Leben will: Zusammenleben und Gemeinschaft. Gott schließt keinen Frieden mit dem, was uns voneinander trennt, schon gar nicht mit dem Tod. Aber auch Blindheit und Taubheit, Lähmungen, Aussatz und Armut sind Trennungen und Schranken zwischen Menschen – nicht nur für das Leben der Betroffenen, sondern auch für die Gemeinschaft mit anderen.

 

Jesus will und kann uns davon befreien. Wir nennen uns Christinnen und Christen, weil wir in Jesus Christus, in seinen Taten und Worten den Messias zu erkennen glauben und uns darum auch zu ihm bekennen. Und wir erleben  immer wieder, wie Menschen, die verblendet waren, auf einmal einen neuen Durchblick bekamen und sich seither nicht mehr alles gefallen lassen. Oder welche, die immer alles still und brav geschluckt haben, die plötzlich den Mund aufmachen und für sich selbst reden. Verbogene und Verkrümmte, die sich aufrichteten und sich jetzt frei bewegen. Menschen, deren Leben so verdüstert und finster war, dass sie schon zu Lebzeiten todesstarr wurden, die wieder lebendig wurden und neue Luft zum Atmen bekamen. Das erleben wir sicher nicht jeden Tag, aber wir erleben es immer wieder. Deshalb ist unser Bekenntnis zu Jesus als dem Messias kein fester Besitz, sondern es ist ein Experiment der Hoffnung. Wir sollen unsere Welt so sehen, dass unser Heil schon begonnen hat, was immer auch dagegen sprechen mag.

Liebe Gemeinde!

Hoffen wir, dass Jesu Antwort Johannes den Täufer in seiner Haft gestärkt hat. Er hatte ja sein Leben lang das Volk Israel auf die Ankunft des Messias vorbereitet – wenn man so will, hat er das Programm für das „Warten auf das Christkind“ gemacht. Nicht mit süßen Geschichten oder gefühlvollen Melodien, sondern mit dem Aufruf zur Buße. Wenn der Messias kommt, dann können wir nicht weitermachen wie bisher. Dann müssen wir umkehren von unserer Flucht vor Gott und ihm entgegengehen. Dann müssen sich unsere Prioritäten im Leben ändern. Dann müssen wir neu nach Gottes Geboten und seinem Willen fragen. „Wie soll ich Dich empfangen und wie begeg’n ich Dir?“, fragt eines unserer Adventslieder. Advent darf uns deshalb auch nicht zur bloßen Vorweihnachtszeit verkommen, sondern Advent ist Zeit der Vorbereitung auf das Kommen des Messias.

Im chassidischen Judentum Osteuropas war das Warten auf den Messias und die Vorbereitung darauf immer sehr lebendig. Fromme Chassidim rechneten praktisch täglich damit, dass das Reich Gottes anbrechen könnte. Ja immer wieder wurde sogar überlegt, wie man das Kommen des Messias noch beschleunigen könnte. Vielleicht nehmen wir uns am chassidischen Judentum in der Adventszeit ein Beispiel und spüren wieder neu unserer Sehnsucht nach, dass Jesus bald auch zu uns kommt. Dieses bange Warten hätte dann sicher auch Folgen für unser eigenes Leben und für unser Miteinander. Wie wir uns auf das Kommen des Messias vorbereiten können, davon sagt der chassidische Rabbi Pinchas: „Auch für die Bösen unter den Völkern der Welt sollen wir beten, auch sie sollen wir lieben. Solange wir nicht so beten, solange wir nicht so lieben, wird der Messias nicht kommen.“ Amen

Predigt über Offenbarung 21,1-7

Liebe Gemeinde,

nun ist es schon 25 Jahre her, dass mein Vater tot ist. Vor ein paar Wochen lief die Frist für sein Grab auf dem Friedhof ab. Mein Vater ist damals völlig unerwartet mit 61 Jahren an einem Herzinfarkt gestorben. Wir hatten morgens noch miteinander telefoniert, und als ich abends heimkam, fand ich die Nachricht auf meinem Anrufbeantworter, dass er ins Krankenhaus eingeliefert worden war. Zwei Tage später starb er dort – Gott sei Dank konnte ich mich noch von ihm verabschieden, auch wenn er im Koma lag.

Ich erinnere mich, wie erschrocken ich damals war: Von einem Moment auf den anderen hatte sich das Leben völlig verändert. Und mir ist der Schmerz noch ganz präsent, wie mein Vater da in der Aussegnungshalle vor mir lag, ich ihn aber nicht mehr erreichen konnte. Dann waren da natürlich Fragen, die in mir hochkamen: Was hätte er mit meiner Mutter und uns noch alles an Schönem erleben können, wo er doch gerade in Pension gehen wollte? Und war das wirklich Gottes Wille, dass mein Vater so von uns weggerissen wurde? Fragen, auf die es letztlich keine Antworten gibt, so sehr man sie auch hin und her wendet …

 Unter den der Kondolenzpost damals war auch der Trauerbrief eines engen Freundes, der unsere Familie gut kannte. Er schrieb sehr einfühlsam, dass ihm eigne Worte fehlten, aber er mir die Worte des Sehers Johannes schreiben wolle aus dem 21. Kapitel der Offenbarung. Sie sind heute auch unser Predigttext. Ich lese die Verse 1-7 nach der Guten-Nachricht-Übersetzung. Sie sind überschrieben „Der neue Himmel und die neue Erde“:

1 Dann sah ich einen neuen Himmel und eine neue Erde. Der erste Himmel und die erste Erde waren verschwunden und das Meer war nicht mehr da.

2 Ich sah, wie die Heilige Stadt, das neue Jerusalem, von Gott aus dem Himmel herabkam. Sie war festlich geschmückt wie eine Braut für ihren Bräutigam.

3 Und vom Thron her hörte ich eine starke Stimme rufen: »Dies ist die Wohnstätte Gottes bei den Menschen! Er wird bei ihnen wohnen, und sie werden seine Völker sein. Gott selbst wird als ihr Gott bei ihnen sein.

4 Er wird alle ihre Tränen abwischen. Es wird keinen Tod mehr geben und keine Traurigkeit, keine Klage und keine Quälerei mehr. Was einmal war, ist für immer vorbei.«

5 Dann sagte der, der auf dem Thron saß: »Gebt Acht, jetzt mache ich alles neu!« Zu mir sagte er: »Schreib dieses Wort auf, denn es ist wahr und zuverlässig.«

6 Und er fuhr fort: »Es ist bereits in Erfüllung gegangen! Ich bin das A und das O, der Anfang und das Ende. Wer durstig ist, dem gebe ich umsonst zu trinken. Ich gebe ihm Wasser aus der Quelle des Lebens.

7 Alle, die durchhalten und den Sieg erringen, werden dies als Anteil von mir erhalten: Ich werde ihr Gott sein und sie werden meine Söhne und Töchter sein.

Liebe Gemeinde,

was mir damals in meiner Trauer gut getan hat und was mir bis heute gut tut, wenn diese Worte bei Beerdigungen gelesen werden, ist der Ausblick auf das Neue, das Gott schaffen wird. Gott sieht unseren Schmerz, aber er wird unsere Tränen abwischen. Denn er wird dem Tod nicht das letzte Wort lassen, sondern wird ihm den neuen Himmel und die neue Erde entgegensetzen, wo Trauer, Klage, Qual und eben der Tod selbst keine Macht mehr haben.

Wolfhart Koeppen schreibt dazu einmal:

„Am Ende steht nicht der Schmerz. Am Ende stehst du, Gott. Mit dir kann ich annehmen, was wehtut, mich wehren, so gut es geht, durchhalten, wenn es sein muss, ja sagen, widerstehen, hoffen und so erfahren: Am Ende steht nicht der Schmerz. Am Ende stehst du, Gott, Weg, Wahrheit und Leben für mich.“

 

Alle, die schon einen geliebten Menschen verloren haben, wissen darum: Niemand kann ihn uns ersetzen. Die Lücke bleibt, die er in unserem Leben hinterlassen hat. Was wir nicht miteinander gelebt haben, das können wir nicht nachholen – so unerbittlich ist der Tod. Und was wir einander schuldig geblieben sind, das bleibt auch offen, so weh das manchmal tut. Gerade diese Endgültigkeit macht uns den Abschied von geliebten Menschen so schwer. Da hilft dann auch alles nachträgliche Hadern nichts mehr: „Ach hätte ich doch …“

Nein, wir Menschen haben es eben nicht mehr in der Hand, was nach dem Tod kommt. Er schafft scheinbar unabänderliche Fakten. Was uns bleibt, ist allein die Hoffnung auf Gott, der stärker ist als der Tod. Die Hoffnung darauf, dass er jede unserer Tränen sieht und sie einmal abwischen wird. Die Hoffnung darauf, dass aller Schmerz und alles Leid einmal ein Ende haben werden. Die Hoffnung darauf, dass in einem neuen Himmel und auf einer neuen Erde wir noch einmal ganz anders miteinander leben werden – voller Liebe, voller Frieden, voller Harmonie.

Diese Vision des Sehers Johannes ist keine billige Vertröstung. Die Offenbarung ist für verfolgte Christen geschrieben – die hätten es ihm nicht durchgehen lassen, wenn es nur Geschwätz gewesen wäre. Sondern Johannes stellt alles Leid in das Licht Gottes und weist so über den erfahrenen Schmerz hinaus.

Liebe Gemeinde,

eines aber macht die Vision des Johannes ganz deutlich: Wir selbst können das Neue nicht machen oder erzwingen. Wir können es nur erhoffen und erbeten. Denn es kann uns nur von Gott geschenkt werden.

Wo immer Menschen versucht haben, eine schöne, neue Welt zu erschaffen, ist dieser Versuch schiefgegangen – meistens mit furchtbaren Folgen: Denken Sie an den Kommunismus, der für sein Ideal einer klassenlosen Gesellschaft über Leichen ging. Oder denken Sie an den Nationalsozialismus, der für seine Vorstellung einer reinen arischen Rasse Millionen Menschen ermordet hat. Oder denken wir an religiöse Fundamentalisten heute, die für die vermeintliche Reinheit des Gottesvolkes alle Ungläubigen ausmerzen wollen. Der Schriftsteller Helmut Zöpfl bringt es auf den Punkt:

„Wenn man sich anschaut, was die Menschen im Laufe der Geschichte alles angestellt haben: gemartert und gefoltert, erschlagen und erdrosselt, aufgehängt, erschossen, vergiftet, angezündet, abgebrannt und verwüstet, alles bloß, wie sie gesagt haben, im Kampf gegen das Böse in dieser Welt. Wenn man sich das so anschaut, dann könnte man fast mehr Angst als vor dem Bösen vor denen haben, die das Gute durchsetzen wollen mit Gewalt.“

Nein, den neuen Himmel und die neue Erde kann allein Gott selbst schaffen. Wir bleiben dieser alten Welt verhaftet. Aber die Hoffnung auf das Neue, das Gott uns verheißen hat, kann uns wertvolle Einsichten für unser Leben hier und heute schenken:

Zum einen sollten wir nicht auf letzte Heilsversprechungen in Politik und Gesellschaft hereinfallen. Wer uns das Paradies verspricht, der will uns in der Regel nur hinters Licht führen. Was wir Menschen tun können, ist freilich, diese Welt ein Stück besser zu machen, für mehr Gerechtigkeit zu sorgen, wenigstens ein bisschen Frieden zu stiften und die Schöpfung zu bewahren. Dabei werden unsere Versuche immer bruchstückhaft bleiben, wir werden die Welt nie retten und sicher nie die perfekte Gesellschaftsordnung schaffen können. Aber diese Einsicht kann ja auch entlastend sein: Besser ein paar konkrete Schritte getan als für ein unerreichbares Ideal über Leichen zu gehen! Wir dürfen zu unseren Grenzen stehen – dazu, dass wir Menschen eben nicht allmächtig sind, aber wir sollen in unserem Verantwortungsbereich so leben, dass die Welt gerechter, friedlicher und weniger ausgebeutet wird. So leben und handeln, dass in unserem Tun für einen Moment etwas von der neuen Welt Gottes aufleuchtet, das wäre schon viel – und mehr wird von uns auch nicht verlangt.

Zum anderen aber sollen wir die Sehnsucht nach Gottes neuer Welt in uns wach halten. Wir gehen nicht verloren in einer endlosen Nacht, sondern wir werden leben in der ewigen Gegenwart Gottes. Denn er selbst wird dann unter uns Menschen wohnen, sagt der Seher Johannes. Alles Trennende von Gott, der tiefe Graben zwischen ihm und uns, die Ferne zu ihm, unter der wir so oft leiden – sie werden überwunden sein. Nicht der Tod ist das Ende unseres Lebens, sondern uns erwartet das Licht Gottes. Das ganze Buch der Offenbarung ist erfüllt von der Hoffnung auf diese Zukunft. Darum schließt es auch mit dem Ruf: „Maranatha – komm, Herr Jesus, komm bald.“ (22,20) Damit wir wieder vereint sind mit den Menschen, die wir verloren haben. Denn eines ist sicher: Wir werden in dieser neuen Welt unsere Lieben wiedersehen. Und alle anderen aber auch – dann aber versöhnt und verwandelt. Amen

Predigt über Lukas 16,1-9

 

Liebe Gemeinde,

es gibt Einschnitte in unserem Leben, die bedeuten eine wirkliche Zäsur:

Danach ist nichts mehr, wie es vorher war.

Wir müssen uns dann neu orientieren und unser Leben ganz anders als bisher ausrichten.

Viele von uns kennen das aus eigener Erfahrung – sei es aufgrund einer schweren Krankheit, sei es der Eintritt in den Ruhestand, sei es die Trennung von einem Partner oder ein anderes gravierendes Ereignis.

 

Ein Buch, das mich sehr beeindruckt hat, trägt den Titel „Diktate über Sterben und Tod“. Geschrieben hat es der Züricher Jura-Professor und Schriftsteller Peter Noll.

Es ist eine Art Tagebuch, das er im letzten halben Jahr seines Lebens ganz bewusst geführt hat.

Peter Noll erfuhr Ende 1981, dass er schwer an Blasenkrebs erkrankt war.

Damals waren die medizinischen Behandlungsmethoden noch nicht so weit wie heute und die Folgen einer Operation waren sehr einschneidend.

Trotz des dringenden Ratschlags der behandelnden Ärzte entschloss sich deshalb Peter Noll, dass er nicht operiert werden wollte. Er wusste, dass er aufgrund seiner Entscheidung nur noch wenige Monate zu leben hatte.

Peter Noll nahm sich vor, die ihm verbliebene Zeit so zu leben, wie er eigentlich schon immer leben wollte, aber wegen seines Berufes und der gesellschaftlichen Rahmenbedingungen nie leben konnte.

Vor allem wollte er sich den Traum einer Amerika-Reise erfüllen und dort einige Tage den Grand Canyon besuchen.

Mit aller Kraft, die ihm die fortschreitende Krebserkrankung noch ließ, machte er die Reise und erlebte besonders die eindrucksvolle Natur dort im Grand Canyon noch ganz intensiv. Ein halbes Jahr später war er tot – sein beeindruckendes Tagebuch erschien posthum.

Beim Lesen dieser letzten Aufzeichnungen von Peter Noll kommen einem Fragen in den Sinn: Wie habe ich mein bisheriges Leben gelebt und wie möchte ich es angesichts der eigenen Endlichkeit weiterleben?

Wie kann ich auch mit Einschränkungen ein Leben in Würde gestalten?

Und wer beurteilt eigentlich, ob mein Leben nun gelungen ist oder nicht?

Fragen, die sich umso bedrängender stellen, wenn plötzlich so ein Einschnitt kommt, der den gewohnten Lauf der Dinge unterbricht.

Auch in unserem heutigen Predigttext aus dem 16. Kapitel des Lukasevangeliums geht es um eine solche Zäsur im Leben. Und Jesus erzählt uns dort von einem Mann, der eigentlich keine Chance mehr hat und sie dennoch nützt. Ich lese die Verse 1-9 nach der Basis-Bibel:

1 Dann sagte Jesus zu den Jüngern:

»Ein reicher Mann hatte einen Verwalter.

Über den wurde ihm gesagt,

dass er sein Vermögen verschwendete.

2 Deshalb rief der Mann den Verwalter zu sich

und sagte zu ihm: ›Was muss ich über dich hören? Lege deine Abrechnung vor!

Du kannst nicht länger mein Verwalter sein.‹

3 Da überlegte der Verwalter: ›Was soll ich nur tun? Mein Herr entzieht mir die Verwaltung. Für schwere Arbeit bin ich nicht geeignet. Und ich schäme mich, betteln zu gehen.

4 Jetzt weiß ich, was ich tun muss!

Dann werden mich die Leute in ihre Häuser aufnehmen, wenn ich kein Verwalter mehr bin.‹

5 Und er rief alle einzeln zu sich,

die bei seinem Herrn Schulden hatten.

Er fragte den Ersten:

›Wie viel schuldest du meinem Herrn?‹

6 Der antwortete: ›Hundert Fässchen Olivenöl.‹

Da sagte der Verwalter zu ihm:

›Hier ist dein Schuldschein.

Setz dich schnell hin und schreib fünfzig!‹

7 Dann fragte er einen anderen:

›Und du, wie viel bist du schuldig?‹

Er antwortete: ›Hundert Sack Weizen.‹

Der Verwalter sagte:

›Hier ist dein Schuldschein, schreib achtzig!‹

8 Und der Herr lobte den betrügerischen Verwalter, weil er so schlau gehandelt hatte.

Denn die Kinder dieser Welt sind schlauer im Umgang mit ihren Mitmenschen als die Kinder des Lichts.

9 Und ich sage euch: Nutzt das Geld, das euch von Gott trennt, um euch Freunde zu machen!

Dann werden sie euch in die ewigen Wohnungen aufnehmen, wenn diese Welt zu Ende geht.«

 

Liebe Gemeinde!

Ein irritierendes Gleichnis Jesu ist diese Geschichte. „Frechheit siegt!“ könnte als Überschrift darüberstehen. Aber kann uns Jesus wirklich einen so windigen Typen wie diesen Verwalter als Vorbild hinstellen?

Einen, der wie ein Silvio Berlusconi oder ein Donald Trump, sich willkürlich über Recht und Gesetz hinwegsetzt, um seine Schäfchen ins Trockene zu bringen?

Einen, der Lug und Trug ganz bewusst einsetzt? Wir reiben uns erstaunt die Augen.

Wenn man freilich die Situation genauer in den Blick nimmt, dann wird einem dieser Verwalter fast schon sympathisch: Er hat etwas von einem Robin Hood oder einem Schinderhannes, die ja auch den Reichen ihr Geld geraubt haben, um es wenigstens teilweise auch an die Armen zu verschenken.

 

Da war ein reicher Großgrundbesitzer, der wahrscheinlich gar nicht einmal vor Ort gewohnt hat, sondern der es sich in Jerusalem, in Caesarea am Meer oder vielleicht sogar in Rom gut gehen ließ. Er lebte von der Pacht und der Arbeit der Tagelöhner auf seinen Ländereien. Wer seine Abgaben nicht pünktlich bezahlen konnte, bekam einen Schuldschein ausgeschrieben. Zins und Zinseszins nahmen den Untergebenen oft jede Luft zum Atmen. Hatten die Schulden dann eine gewisse Höhe erreicht und konnten nicht mehr zurückgezahlt werden, mussten die Tagelöhner sich und ihre Familien in die Schuldknechtschaft verkaufen. Der Großgrundbesitzer selbst machte sich dabei freilich seine Hände nicht schmutzig. Dafür hatte er ja seinen Verwalter, der die Dinge direkt mit den Betroffenen regeln sollte. Solange das Geld floss, kümmerte Das Schicksal der Tagelöhner die Reichen wenig.

 

Nun war der Verwalter in unserer Geschichte sicher kein Unschuldsengel. Den Vorwurf, seinen Herrn betrogen zu haben, versucht er auch erst gar nicht zu entkräften. Dass er gefeuert würde, war ihm klar – jetzt ging es nur noch darum, seine Haut irgendwie zu retten. Weil er aber offensichtlich hartes Arbeiten nicht gewohnt war, allerdings auch nicht betteln gehen wollte, musste er sich nun etwas einfallen lassen. Dem Verwalter blieb wenig Zeit, um seine Zukunft abzusichern und für ein Leben in Würde zu sorgen.

Die Lösung, die er schließlich findet, ist so kreativ wie sozial: Der Verwalter schafft sich Freunde, indem er ihnen Teile ihrer Schulden erlässt. Dabei geht es nicht ganz sauber zu, aber die Tagelöhner, die dem Großgrundbesitzer noch Olivenöl und Getreide schulden, können dadurch wieder aufatmen. Denn die erlassenen Schulden entsprechen umgerechnet etwa der Arbeitsleistung von zwei Jahren. Und fordert nicht die Bibel selbst, dass alle sieben Jahre eigentlich die Schulden jedes Israeliten erlassen werden sollen? Ja, dass alle sieben mal sieben Jahre im sogenannten Jubeljahr sogar jeder wieder seinen ursprünglichen Landbesitz zurückbekommen soll, damit eben alle genug zum Leben haben und die himmelschreiende Schere zwischen Armen und Reichen nicht immer weiter auseinandergeht?

 

Der Verwalter in unserem Gleichnis rettet sicher vorrangig seine Haut, weil er auf die Dankbarkeit derer hofft, denen er mit dem Schuldenerlass wieder etwas Luft verschaffen hat. Aber zugleich sorgt er damit für ein Stück Gerechtigkeit.

Hannes-Dietrich Kastner schreibt dazu:

„Hört, Leute! Hört!

Durschaut die Spiele dieser Welt!

Wenn man euch in die Enge treibt, dann schafft euch Raum!

Und definiert die Spiele neu!

Unmöglich, wenn Schuldner Schuldnern Schulden erlassen!

Wo führt das hin? Wo wird das enden?

Selig aber, wer’s erdenkt und wer’s tut!

Wo’s hinführt? Wo’s endet?

Statt Verschulden: Entschulden!

Ein Anfang! Alle Jubeljahre. Wenigstens.“

 

Geld ist dann nicht mehr der Götze, um den sich alles dreht. Sondern Geld wird in unserer Geschichte zum Mittel, mit dem wenigstens ein Stück Gerechtigkeit verwirklicht wird – so, wie Gott sich seine Welt vorstellt. Darum kann Jesus auch diesen zwiespältigen Verwalter als Vorbild für uns hinstellen.

 

Liebe Gemeinde!

Vor allem aber ist dieser Typ bei aller Dreistigkeit seines Vorgehens doch ein Beispiel dafür, wie wir in Krisensituationen durch kreatives Handeln unserem Leben eine neue Richtung geben können. „Gott hat uns nicht einen Geist der Verzagtheit gegeben, sondern den Geist der Kraft, der Liebe und der Besonnenheit“, heißt es im 2. Timotheusbrief (1,7). Jesus traut uns zu, dass auch wir uns im Vertrauen auf den Heiligen Geist den Herausforderungen des Lebens stellen können.Die Corona-Pandemie macht uns allen schmerzlich bewusst, wie zerbrechlich unser gewohnter Alltag eigentlich ist und wie vergänglich auch unser Leben. Dass es nicht einfach so weitergehen kann wie bisher, ist uns wahrscheinlich allen klar. Wie aber können wir heute so kreativ handeln wie der Verwalter in unserem Gleichnis? Drei Spuren zum Nachdenken möchte ich da legen:

1. Wir müssen wieder lernen, welchen Wert echte Begegnungen untereinander haben.

2. Das Leben hier und jetzt ist kostbar und wir können Gott dafür nur dankbar sein.

3. Wir brauchen neu die Einsicht, im Einklang mit der Schöpfung zu leben – nicht gegen sie.

Nobert Dennerlein schreibt: „Tagtäglich werden uns viele Angebote zu einem glücklichen Leben gemacht. Möge Gott dir in all der Vielfalt der Angebote den Weg zu einem mit Sinn erfüllten Leben zeigen. Möge Gott dir aber auch die Kraft und den Mut geben, diesen Weg dann zu gehen.“ Amen