Predigt über Lukas 19,37-40 am Sonntag, Kantate, 2. Mai 2021. Von Pfarrer Friedemann Glaser

Liebe Gemeinde,
den Sonntag „Kantate“ in Zeiten der Corona-Pandemie zu feiern, wenn man im Gottesdienst gar nicht mehr oder nur noch eingeschränkt singen darf, das fällt mir einigermaßen schwer. Uns als evangelische Kirche trifft der Verzicht auf das gemeinschaftliche Singen im Gottesdienst und auf den Chorgesang besonders hart: Denn schon die Reformation vor 500 Jahren war nicht zuletzt eine „Singbewegung“ – erinnern wir uns nur an die vielen Lieder, die Martin Luther selbst geschrieben hat von „Ein feste Burg ist unser Gott“ bis „Vom Himmel hoch da komm ich her“. Oder mir kommen die Passionen, Kantaten und Choräle von Johann Sebastian Bach in den Sinn, den manche sogar den „fünften Evangelisten“ nennen, so einflussreich wirkte er auf die evangelische Kirche. Und sind es nicht die Lieder von Paul Gerhardt bis Jochen Klepper, die in guten wie in schweren Tagen protestantische Frömmigkeit wesentlich geprägt haben? Ja finden nicht durch gemeinsam gesungene Gospels, die Gesänge aus Taizé oder die neuen Lobpreislieder gerade junge Menschen einen Zugang zum christlichen Glauben? Zu Recht schreibt der Theologe Michael Heymel: „Derselbe Heilige Geist, der ... die Worte der Predigt in Gottes Wort verwandelt und dadurch Glauben weckt, ist auch in der Musik am Werk: im gesungenen Wort spricht Gott zu allen, die seinem Wort mit aufgeschlossenem Herzen zuhören.“ Ohne Singen kann ich mir meinen Glauben nicht vorstellen, weil ich dadurch als ganzer Mensch vor Gott stehe, weil ich darin auch meinen Gefühlen Ausdruck verleihen kann, weil es Gemeinschaft mit anderen stiftet und weil es mich am Ende sogar mit den himmlischen Chören der Engel in Verbindung bringt.

Gesang und Jubel liegen auch in unserem heutigen Predigttext aus dem 19. Kapitel des Lukasevangeliums in der Luft. Jesus zieht in Jerusalem ein – da können seine Jüngerinnen und Jünger nicht stumm bleiben. Ich lese die Verse 37-40:
37 Und als er schon nahe am Abhang des Ölbergs war, fing die ganze Menge der Jünger an, mit Freuden Gott zu loben mit lauter Stimme über alle Taten, die sie gesehen hatten,

38 und sprachen: Gelobt sei, der da kommt, der König, in dem Namen des Herrn! Friede sei im Himmel und Ehre in der Höhe!

39 Und einige von den Pharisäern in der Menge sprachen zu ihm: Meister, weise doch deine Jünger zurecht!

40 Er antwortete und sprach: Ich sage euch: Wenn diese schweigen werden, so werden die Steine schreien.

 

Liebe Gemeinde!

Gott zur Ehre zu singen und seinen Namen zu preisen, das macht zu allen Zeiten Menschen zu Jüngerinnen und Jüngern Jesu. Oder wie es David Denicke in seinem bekannten Liedvers geschrieben hat (EG 288,5):

Dankt unserm Gott, lobsinget ihm,

rühmt seinen Namen mit lauter Stimm;

lobsingt und danket allesamt!

Gott loben, das ist unser Amt.

Was ich wunderschön finde an der Szene beim Einzug Jesu in Jerusalem: Die Jüngerinnen und Jünger müssen nicht erst zum Loben und Singen aufgefordert oder gar dazu gezwungen werden, sondern es bricht einfach aus ihnen heraus. Sie können angesichts der herrlichen Taten und Worte Jesu gar nicht anders, als den Lobgesang auf Gott anzustimmen. Und im Jubel nehmen sie die endgültige Erlösung unserer geschundenen Welt schon vorweg: Gottes König kommt zu uns. Von jetzt an wird Friede sein im Himmel und auf Erden.

Vielleicht kennen Sie das aus eigener Erfahrung: Es gibt solche Momente, in denen wir singend schon etwas von der kommenden Herrlichkeit Gottes ahnen mitten im Hier und Jetzt. Mir kommen die Kirchentage der 1980er-Jahre in den Sinn, wo wir auf den U-Bahnhöfen zu Tausenden miteinander gesungen haben und so spürten, dass wir als Schwestern und Brüder zusammengehörten. Ich denke an den Heiligen Abend 1989, den ich auf den Hirtenfeldern von Bethlehem gefeiert habe und wo wir als Christen aus verschiedensten Nationen miteinander „Stille Nacht, heilige Nacht“ sangen. So waren wir über alle Sprachgrenzen hinweg im Lob des neugeborenen Heilands der Welt vereint. Oder ich denke an die Beerdigung meines Vaters, der sehr plötzlich noch im Pfarramt verstorben war, wie da die ganze Gemeinde „Wenn ich einmal soll scheiden“ gesungen hat und mich dieser Gesang unendlich getröstet hat in meiner Trauer – mehr als viele Worte.

Liebe Gemeinde!

„We shall overcome“ – „Wir werden überwinden“. Wer so singt, der glaubt an die Möglichkeit zur Veränderung. Der lässt Sünde und Tod, Hölle und Teufel nicht das letzte Wort, sondern rechnet damit, dass Gott am Ende alles zum Guten wenden wird. „We shall overcome“ – „Wir werden überwinden“. Wer so singt, der ist freilich denen verdächtig, die alles gerne beim Alten lassen würden. Die sich eingerichtet haben in den herrschenden Verhältnissen und ganz gut damit leben, dass auf Erden noch nicht Frieden und Gerechtigkeit herrschen. So fordert eine Gruppe von Pharisäern Jesus auf, seinen Jüngern doch das Jubeln und Singen zu verbieten. Sie hatten wohl Angst, der Glaube an die Erlösung könne ansteckend wirken.

„Dann werden die Steine schreien …“, antwortet Jesus auf den Versuch seiner Gegner, die Jünger zum Schweigen zu bringen. Die Sehnsucht nach Erlösung lässt sich eben nicht einfach mundtot machen. Und wenn schon Menschen nicht mehr davon singen dürfen, wird es trotzdem andere Wege geben, dieser Sehnsucht Gehör zu verschaffen!

Können Steine schreien? Natürlich können sie das! Ich denke an die Kathedrale im englischen Conventry oder an die alte Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche in Berlin. Beide wurden im Zweiten Weltkrieg durch Bomben zerstört und blieben ganz bewusst als sichtbare Ruinen stehen. Ihre Steine schreien bis heute zum Himmel, dass Krieg um Gottes Willen nie mehr sein darf. Oder ich denke an die wiederaufgebaute große Synagoge in der Oranienburger Straße in Berlin oder an die Dresdner Frauenkirche. Die eine wurde in der Reichspogromnacht 1938 niedergebrannt, die andere stürzte im Februar 1945 im Bombenhagel in sich zusammen. Beide wurden wieder sehr schön aufgebaut – allerdings beide auch mit einer sichtbaren Erinnerung an ihre Zerstörung: Die verbliebenen Grundmauern sind aschgrau und tragen Brandspuren. Darüber wurden neue, helle Steine gesetzt. So erzählen sie vom Bruch in der Geschichte der Synagoge und der Frauenkirche, zugleich aber wird etwas von der Hoffnung deutlich, dass ein Neuanfang möglich ist. Von der Hoffnung, dass Gott Schuld vergibt und aus den Trümmern neues Leben wachsen lässt. Doch ja, auch scheinbar tote Steine können reden und schreien.

Liebe Gemeinde! Gott loben und seinem Namen singen – das ist der Auftrag an die Jüngerinnen und Jüngern Jesu. Freilich: Schöne Lieder und inniger Lobpreis allein machen uns noch nicht zu seinen Nachfolgern.

Von Dietrich Bonhoeffer gibt es die mahnenden Worte an die jungen Pfarrer der Bekennenden Kirche, die selbst oft genug von den Nazis bedrängt waren: „Nur wer für die Juden schreit, darf auch gregorianisch singen!“ Damit machte er klar, dass wir über das Lob Gottes nicht unsere Mitmenschen vergessen dürfen – vor allem diejenigen nicht, die unsere Hilfe brauchen. Bonhoeffer erinnert uns damit an Jesu Doppelgebot der Liebe: Wir sollen Gott lieben mit allem, was wir sind und haben, aber eben auch unseren Nächsten wie uns selbst. Das eine gibt es nicht ohne das andere.

Bonhoeffers Mahnung: „Nur wer für die Juden schreit, darf auch gregorianisch singen!“ verhallte damals weitegehend ungehört. Als 1938 in der Reichspogromnacht die Synagogen brannten, waren es nur eine Handvoll Pfarrer, die dagegen öffentlich im Gottesdienst protestierten. Lange vergessen wurde leider das mutige Beispiel von Elisabeth Schmitz, die 1893 geboren wurde. Sie war Lehrerin und engagierte evangelische Christin, die von Anfang an Widerstand gegen Hitler leistete. Sie schloss sich der Bekennenden Kirche an, ließ sich aus Protest gegen die nationalsozialistische Bildungspolitik 1938 in den Ruhestand versetzen, schrieb schon 1935 eine Denkschrift an die Kirchenleitung gegen die Ausgrenzung von Juden und versteckte später in ihrem Gartenhaus verfolgte Juden vor der Gestapo. Elisabeth Schmitz litt darunter, dass ihre Kirche zur Verfolgung der Juden einfach schwieg. Nach der Reichspogromnacht mit den unzähligen niedergebrannten Synagogen schrieb sie an Helmuth Gollwitzer verzweifelt einen Brief, in dem sie Jesu Worte aus unserem Predigttext aufgriff:

„Das Wort der Kirche ist nicht gekommen … Es scheint, dass die Kirche auch dieses Mal, wo ja nun wirklich die Steine schreien, es der Einsicht und dem Mut des einzelnen Pfarrers überlässt, ob er etwas sagen will, und was.“

Elisabeth Schmitz, eine mutige Frau in dunkler Zeit – leider war ihr Vorbild lange unbekannt. Als sie 1977 starb, waren gerade einmal sieben Personen bei ihrer Beerdigung. Erst Jahre später wurde sie zur Ehrenbürgerin ihrer Heimatstadt Hanaus ernannt und erhielt von der Holocaust-Gedenkstätte Yadvashem in Jerusalem den Titel einer „Gerechten unter den Völkern“ für ihren Mut in der NS-Zeit.

Liebe Gemeinde!

Ich freue mich darauf, wenn wir nach der Corona-Pandemie wieder aus vollem Herzen in unseren Gottesdiensten singen dürfen und auch z. B. unser Festchor wieder den Gottesdienst musikalisch gestalten kann. Aber ich will mich von Dietrich Bonhoeffer und Elisabeth Schmitz immer wieder auch daran erinnern lassen, dass das Lob Gottes seine „Erdung“ in der Sorge für unsere Mitmenschen haben muss. Dann dürfen wir das Leben feiern, wie es die Weltkirchenkonferenz in Vancouver 1984 formuliert hat:

Mitten in Hunger und Krieg feiern wir, was verheißen ist: Fülle und Frieden.

Mitten in Drangsal und Tyrannei feiern wir, was verheißen ist: Hilfe und Freiheit.

Mitten in Zweifel und Verzweiflung feiern wir, was verheißen ist: Glauben und Hoffnung.

Mitten in Furcht und Verrat feiern wir, was verheißen ist: Freude und Treue.

Mitten in Hass und Tod feiern wir, was verheißen ist: Liebe und Leben.

Mitten in Sünde und Hinfälligkeit feiern wir, was verheißen ist: Rettung und Neubeginn.

Mitten im Tod, der uns von allen Seiten umgibt, feiern wir, was verheißen ist

durch den lebendigen Christus. Amen

Predigt über Hesekiel 34,1+2.10-16.31. Sonntag, 18. April 2021

Predigt über Hesekiel 34,1+2.10-16.31

Liebe Gemeinde!

Die SPD hat sich schon länger entschieden – sie wird mit Olaf Scholz als Spitzenmann in die Bundestagswahl gehen. Bei den Grünen dürfen wir morgen gespannt sein, ob nun Annalena Baerbock oder Robert Habeck für das Bundeskanzleramt kandidieren. Nur bei der CDU ist noch offen, wer den Showdown um Platz 1 gewinnt: Markus Söder oder Armin Laschet. Bei all diesen Entscheidungen der Parteien geht es um die Frage: Wer kann am besten führen? Wer geht einerseits entschlossen voraus und ist andererseits zugleich teamfähig? Wer zeigt inhaltlich klare Kante und ist aber auch eine überzeugende Persönlichkeit? Wer vertritt die Überzeugungen der eigenen Partei glaubwürdig und hat doch das ganze Spektrum der Wähler im Blick?

Immerhin dürfen wir in Deutschland ganz dankbar sein, dass keiner der gehandelten Nachfolger von Angela Merkel die eigene Person so stark in den Mittelpunkt stellt wie ein Donald Trumpp, dass keiner so skrupellos ist wie ein Wladmir Putin, sich niemand im Amt so bereichert wie der ungarische Premier Orban oder so populistisch regieren wird wie der türkische Präsident Erdogan. Bei aller Politikverdrossenheit, die einen manchmal beschleichen mag, sollten wir darüber zumindest froh sein. Wir können in unserer Demokratie frei wählen und unseren Politikern auch auf die Finger schauen. Sie inszenieren sich nicht als unangreifbare Halbgötter im Gegensatz zu den genannten Beispielen aus Washington, Moskau, Budapest und Ankara.

 Damit sind wir aber auch den Propheten des Alten Testaments sehr nahe, denn die haben immer wieder sehr scharfe Kritik geübt an den Königen Israels. Anders nämlich als in den Nachbarländern Ägypten oder Babylonien wurden die Könige in Israel eben gerade nicht als gottgleich verehrt, sondern sie mussten sich an den Geboten Gottes messen lassen. Ihre Macht stand ihnen nicht einfach zu, weil sie Könige waren, sondern weil sie im Auftrag Gottes das Volk gerecht zu führen hatten. Nicht zufällig ist das Idealbild des Königs in der Bibel deshalb auch der Hirte: Einer, der für eine ganze Herde Verantwortung trägt und Verlorenen nachgeht, der für ausreichend Wasser und Futter sorgen muss, der Gefahren von seinen Tieren abwenden und ihnen Sicherheit geben soll, der kranke verbindet und schwache auf seinen Armen trägt. Der Prophet Hesekiel greift dieses Bild vom Hirten auf, wenn er das Regierungshandeln der politisch Verantwortlichen seines Volkes kritisiert. Ich lese Verse aus Kapitel 34:  

1Und des Herrn Wort geschah zu mir:

2Du Menschenkind, weissage gegen die Hirten Israels, weissage und sprich zu ihnen:

So spricht Gott der Herr: Wehe den Hirten Israels, die sich selbst weiden! Sollen die Hirten nicht die Herde weiden?

10Siehe, ich will an die Hirten und will meine Herde von ihren Händen fordern; ich will ein Ende damit machen, dass sie Hirten sind, und sie sollen sich nicht mehr selbst weiden. Ich will meine Schafe erretten aus ihrem Rachen, dass sie sie nicht mehr fressen sollen.

11Denn so spricht Gott der Herr:

Siehe, ich will mich meiner Herde selbst annehmen und sie suchen.

12Wie ein Hirte seine Schafe sucht, wenn sie von seiner Herde verirrt sind, so will ich meine Schafe suchen und will sie erretten von allen Orten, wohin sie zerstreut waren zur Zeit, als es trüb und finster war.

13Ich will sie aus den Völkern herausführen und aus den Ländern sammeln und will sie in ihr Land bringen und will sie weiden auf den Bergen Israels, in den Tälern und wo immer sie wohnen im Lande.

14Ich will sie auf die beste Weide führen, und auf den hohen Bergen in Israel sollen ihre Auen sein; da werden sie auf guten Auen lagern und fette Weide haben auf den Bergen Israels.

15Ich selbst will meine Schafe weiden, und ich will sie lagern lassen, spricht Gott der Herr. 16Ich will das Verlorene wieder suchen und das Verirrte zurückbringen und das Verwundete verbinden und das Schwache stärken und, was fett und stark ist, behüten; ich will sie weiden, wie es recht ist.

31Ja, ihr sollt meine Herde sein, die Herde meiner Weide, und ich will euer Gott sein, spricht Gott der Herr.

Liebe Gemeinde!

Es ist der Tiefpunkt in der Geschichte des alttestamentlichen Gottesvolkes und zugleich eine Umbruchszeit, in der Hesekiel als Prophet wirkt. Die Könige Israels hatten ihr Volk in den Abgrund geführt. Sie waren schlechte Hirten gewesen, die wenig nach Gottes Geboten gefragt hatten und ihr Vertrauen lieber auf wechselnde Militärbündnisse gegründet hatten. Am Ende herrschte eine große Ungerechtigkeit in Israel zwischen ein paar wenigen Reichen, die in Saus und Braus lebten, und vielen Armen, die ausgebeutet wurden und ihre Familien kaum ernähren konnten. Dabei hätte es eigentlich im Land, das Gott seinem Volk geschenkt hatte, genug Auskommen für alle Menschen gegeben. Aber die Mächtigen wirtschafteten lieber in die eigenen Taschen und verstiegen sich zudem in Großmachtsträume. Am Ende eroberten die Babylonier Jerusalem, zerstörten die Stadt mit dem Tempel und führten die Israeliten weg in die Gefangenschaft.

 Dort aber lässt Gott sein Volk nicht allein. Er nimmt Hesekiel als Propheten in Dienst und lässt ihn eine neue Ordnung des Zusammenlebens schauen. Schonungslos werden die Ursachen der Katastrophe aufgedeckt, in die Israel geraten war – vor allem das Versagen der politischen Führung und die Abkehr der Könige von Gott. Aber dann wird Hesekiel eine neue Hoffnungsperspektive eröffnet: Gott selbst wird in Zukunft der Hüter Israels sein. Bewusst wird im hebräischen Urtext hier nicht einfach der Begriff „Hirte“ für Gott verwendet, sondern der „Hüter“. Denn der, der etwas „hütet“, macht nicht nur seinen Job, sondern dem liegt persönlich an dem, worauf er aufpasst. Während ein Hirte auch angestellt sein kann und deshalb keine wirkliche Bindung zur Herde hat, ist der „Hüter“ einer, dem seine Tiere am Herzen liegen und für die er deshalb auch sein Leben einsetzen würde.

 Immer wieder wird Gott etwa in den Psalmen „Hüter Israels“ genannt: Darin schwingt mit, dass er für Recht und Gerechtigkeit sorgt, dass er die Schwachen schützt und die Starken in die Verantwortung für ihre Mitmenschen nimmt, dass er niemanden verloren gibt und die zerstreuten Schafe sammelt, dass er das Wohl des Ganzen im Blick hat und dennoch die Bedürfnisse des Einzelnen sieht. Und der Hüter heilt Verletzungen und verbindet Wunden – eine Verheißung, die gerade in der Gefangenschaft für das Volk Israel ganz wichtig war: Leid kann gewendet werden, ein Neuanfang ist möglich, die Katastrophe hat nicht das letzte Wort. Gott der Hirte und Hüter Israels – denken Sie an den 23. Psalm: Ein Urbild für Gottes Sorge um uns Menschen.

Die Vorstellung, dass Gott selbst der Hüter Israels, ja der Hirte aller seiner Geschöpfe ist, kann uns davor bewahren, anderen Menschen letzte Macht über uns zu gewähren. Oder anders gesagt: Das erste Gebot – „Ich bin der HERR, dein Gott, du sollst keine anderen Götter neben mir haben“ – schärft uns ein, dass kein Diktator, kein Guru, kein Chef und auch sonst niemand über unser Leben als Ganzes bestimmen darf. Umgekehrt gilt viel mehr: Alle Herrschaft über andere Menschen, alle Verantwortung für Schutzbefohlene, auch alle geistliche Leitung muss sich daran messen lassen, ob sie dem Vorbild des guten Hirten entspricht, der Gott selbst ist. Oder wie ein Pfarrerskollege noch zugespitzter einmal gesagt hat: „Menschen können letztlich nie

Hüter sein, sondern allenfalls treue Hunde, die dem Hirten helfen, seine Herde zu leiten.“

Liebe Gemeinde!

Im Johannesevangelium wird das Bild vom guten Hirten auf Jesus übertragen. Frühe Bilder etwa in römischen Katakomben zeigen ihn oft in dieser Rolle: Christus mit einem Schaf über der Schulter, das er nach Hause trägt. Dem Evangelisten Johannes betont, dass Jesus nicht nur ein „Mietling“ ist – also einer, der für Geld die Schafe hütet, sondern der gute Hirte. Einer, der sein Leben für die Schafe gibt, wenn sie bedroht werden. Einer, der ihre Stimme kennt und sie deshalb auch an den Tiefpunkten des Lebens noch findet. Einer, der der die Zerstreuten immer wieder zusammenführt. Jesu Tod am Kreuz auf Golgatha zeigt, dass das nicht nur leere Worte sind. Viel mehr gibt Jesus sein Leben für uns hin. Und seine Auferstehung an Ostern macht deutlich, dieser gute Hirte führt uns am Ende aus jeder Gefahr – sogar aus dem Tod.

 An diesem Vorbild Jesu müssen wir uns orientieren, wenn uns andere Menschen anvertraut sind oder wenn wir eine leitende Funktion haben. Auf Ihrem Liedblatt finden Sie ein Foto des polnischen Schriftstellers und Kinderpsychologen Janusz Korczak. Er hat nach dem 1. Weltkrieg in Warschau ein jüdisches Waisenhaus aufgebaut und ging dort neue Wege in der Arbeit mit Kindern. Er nahm sie ernst wie Erwachsene und ließ sie zum Beispiel Entscheidungen in einem eigenen Kinderparlament treffen. „Das Kind hat das Recht, ernst genommen, nach seiner Meinung und seinem Einverständnis gefragt zu werden.“ So lautete seine Grundüberzeugung. Nach dem Überfall Deutschlands auf Polen 1939 verschärfte sich die Situation für das jüdische Waisenhaus. Die Kinder und ihre Erzieher mussten ins Warschauer Ghetto umziehen, wo Korczak unter menschenunwürdigen Umständen den Waisen wenigstens ein Stückchen Kindheit bewahren wollte. 1942 schließlich kam der Befehl, das jüdische Waisenhaus zum Abtransport in ein Vernichtungslager zu bringen. Die SS bot Korczak an, dass er selbst freikommen würde, wenn er seine 200 Waisen geordnet und in Ruhe zum Zug bringen würde. Am 5. August 1942 zogen alle Kinder mit Janusz Korczak an der Spitze zum Verladebahnhof – begleitet von einem Zwölfjährigen mit einer Geige. Korczak selbst trug zwei kleine Kinder auf dem Arm. Zwei Tage später traf der Zug in Treblinka ein. Vom Bahnsteig aus kamen die Kinder direkt in die Gaskammer. „Sie sind frei, Dr. Korczak“, sagte ein Wachmann zum ihm. Er aber blieb bei seinen Kindern und ging mit ihnen ins Gas. Noch in den qualvollen Minuten des Todeskampfes sang er mit den Mädchen und Jungen, um ihnen die Angst zu nehmen. „Ich bin der gute Hirte. Der gute Hirte gibt sein Leben für die Schafe.“ Amen

Palmsonntag Predigt über Hebräer 11,1+2 und 12,1-3

Als Predigttext hören wir Worte aus dem 11. und 12. Kapitel des Hebräerbriefes:

11 1 Es ist aber der Glaube eine feste Zuversicht dessen, was man hofft, und ein Nichtzweifeln an dem, was man nicht sieht.

2 In diesem Glauben haben die Alten Gottes Zeugnis empfangen.

12 1 Darum auch wir: Weil wir eine solche Wolke von Zeugen um uns haben, lasst uns ablegen alles, was uns beschwert, und die Sünde, die uns umstrickt. Lasst uns laufen mit Geduld in dem Kampf, der uns bestimmt ist,

2 und aufsehen zu Jesus, dem Anfänger und Vollender des Glaubens, der, obwohl er hätte Freude haben können, das Kreuz erduldete und die Schande gering achtete und sich gesetzt hat zur Rechten des Thrones Gottes.

3 Gedenkt an den, der so viel Widerspruch gegen sich von den Sündern erduldet hat, dass ihr nicht matt werdet und den Mut nicht sinken lasst.

Liebe Gemeinde!

Vor Kurzem hat mir ein Freund über WhatsApp ein Foto geschickt, auf dem Angela Merkel in dem typischen grünen Blazer und den zur Raute geformten Händen zu sehen war. Erst auf den zweiten Blick erkannte ich, dass sie, obwohl erst 66 Jahre alt, auf diesem Bild die Gesichtszüge einer 86jährigen Frau trug. Darunter stand als Kommentar: „Wir haben die Pandemie bald überwunden!“ Ich weiß nicht recht, ob ich darüber lachen oder weinen soll, wenn ich an die gefährliche Virusmutation denke und daran, wie lange die Corona-Einschränkungen wohl noch gelten werden. „Nicht matt werden und den Mut nicht sinken lassen“ – als wenn das so einfach wäre nach einem Jahr Corona. Wir stecken mitten in der dritten Infektionswelle und das politische Chaos dieser Woche - mit der zugegeben sehr noblen Entschuldigung der Bundeskanzlerin - offenbart eigentlich nur, wie schwierig es ist, die Pandemie wirklich einzudämmen. Für Einzelhändler und Gastwirte, für Kulturschaffende und Sportvereine wird die Zeit nun lang, vielleicht sogar zu lang. Genauso für die Familien im Homeschooling oder für die Menschen in den Seniorenheimen, die keine Besuche mehr bekommen. Noch ist ja zudem nicht endgültig sicher, ob unsere Gottesdienste an Karfreitag und Ostern tatsächlich stattfinden dürfen. Jede und jeder von uns hat da sicher auch eigene Erfahrungen oder jemanden vor Augen, der gerade besonders von der Pandemie und den Lockdown-Einschränkungen betroffen ist. „Nicht matt werden und den Mut nicht sinken lassen“ vielleicht hilft es uns ja wirklich, wenn wir mehr auf das schauen, was uns in dem vergangenen Corona-Jahr auch wichtig geworden ist: Ich habe zum Beispiel den Wert der Freundschaft wieder in einer ganz neuen Tiefe entdeckt – gerade auch, weil persönliche Kontakte nicht mehr ohne weiteres möglich sind. Die Begegnungen und Gespräche sind seltener geworden, aber oft auch wesentlicher und mit weniger „Small-Talk“. Mir ist zudem neu bewusst geworden, dass weniger oft mehr sein kann: Corona hat mein Leben in Manchem entschleunigt. Ein Spaziergang ersetzt mir den Kinobesuch, statt vieler Abendtermine bleibt das Glas Wein oder die Tasse Tee mit der Familie, die Schwäbische Alb habe ich wiederentdeckt und sie gefällt mir nicht weniger als ein Italien-Urlaub. Und schließlich lebe ich auch wieder mehr auf den Sonntagsgottesdienst zu, weil das gemeinsame Feiern eben nicht selbstverständlich ist. Alles Dinge, die mich stärken und mir neuen Mut geben. Vielleicht geht es Ihnen da ähnlich?!

Liebe Gemeinde!

Unser Predigttext verweist auf die „Wolke der Zeugen“, die für unseren Glauben und für unsere Hoffnung Vorbild sein kann. Denn die Bibel ist voller Beispiele von Menschen, die über das Vorfindliche hinausgeschaut und den Verheißungen Gottes vertraut haben. Der Hebräerbrief erinnert dann auch etwa an einen Noah, der mitten auf dem Trockenen unter dem Gespött seiner Zeitgenossen eine Arche gebaut hat, die ihm später das Leben rettete. Oder an einen Abraham, der im hohen Alter noch seine Heimat verließ, weil Gott ihm ein fruchtbares Land und ein großes Volk als Nachkommenschaft verheißen hatte. Und ein Mose wanderte vierzig Jahre lang mit Israel durch die Wüste, weil ihnen eine neue Heimat versprochen war, in der Milch und Honig fließen sollten. Ermutigende Beispiele von Glauben und Hoffnung, mit denen der Hebräerbrief seine Gemeinde stärken wollte.

„Wolke der Zeugen“ – im Hintergrund steht da die Wolken- und Feuersäule, mit der Gott selbst sein Volk Israel auf dem Weg durch die Wüste ins gelobte Land Tag und Nacht begleitet hat. Ein schöner Gedanke, dass andere Menschen für mich zur Wolken- und Feuersäule werden können, in denen Gott mit an meiner Seite geht. Der Glaube und die Hoffnung anderer können ansteckend wirken. Ich denke da etwa an die Posaunenbläser aus meinem früheren Kirchenbezirk Mühlacker. Die haben an Ostern im letzten Jahr ein Video ins Netz gestellt, auf dem über 60 altgediente und junge Bläser gemeinsam „Er ist erstanden: Halleluja!“ gespielt haben. Jeder von sich zuhause aus und dann zusammengeschnitten als ein großer Posaunenchor. Beim Anschauen habe ich eine richtige Gänsehaut bekommen. Auf dem Höhepunkt des ersten Lockdowns die Vergewisserung durch die Osterbotschaft: Wir sind als Christinnen und Christen nicht allein!

„Nicht matt werden und den Mut nicht sinken lassen“ – und doch gibt es Situationen im Leben, da hilft alle Aufmunterung nichts mehr und da fällt es uns schwer, noch zuversichtlich zu bleiben. Etwa, wenn wir Abschied von einem geliebten Menschen nehmen und ohne ihn weiterleben müssen. Dann, wenn wir das Gefühl haben, ein Stück unserer selbst sei von unserer Seite gerissen worden. Dann, wenn der Tod Tatsachen schafft, gegen die wir mit unseren menschlichen Möglichkeiten nicht mehr ankommen.

Ganz bewusst spreche ich als Pfarrer am Grab, bevor wir den Sarg oder die Urne eines Menschen an die letzte Ruhestätte geben, in Anlehnung an unseren Predigttext das Votum: „Lasst uns aufsehen zu Jesus Christus, dem Anfänger und Vollender unseres Glaubens. Er allein ist unsere Hoffnung in Zeit und Ewigkeit.“ Weil Jesus durch sein Kreuz und seine Auferstehung den Tod für uns ein für allemal überwunden hat. Und weil er so zum Retter für uns geworden ist, wenn wir nicht mehr können und nicht mehr hinaussehen.

 Der Hebräerbrief betont dabei, dass Jesus wirklich bis an den tiefsten Punkt Gewalt und Tod erlitten hat. Er musste aushalten, dass das Volk, das ihn eben noch mit „Hosianna“ als neuen König in Jerusalem begrüßt hatte, wenig später „Kreuzige ihn!“ rief. Seine besten Freunde verließen ihn, als es darauf ankam – einer lieferte ihn sogar mit einem Kuss an seine Feinde aus, ein anderer verleugnete ihn dreimal. In einem Schauprozess wurde Jesus von falschen Zeugen beschuldigt und von einem überforderten Statthalter verurteilt. Man folterte und verhöhnte ihn. Schließlich schlug man ihn ans Kreuz – ein Schandpfahl, der zur Abschreckung dienen und deutlich machen sollte, dass der Hingerichtete verflucht war.

Aber zu eben diesem Geschundenen und Gemarterten bekennt sich am Ende Gott. Er lässt Jesus nicht im Tod, sondern erweckt ihn am Ostermorgen zu neuem, zu unvergänglichem Leben. Mehr noch: Jesus sitzt von nun an zur Rechten Gottes, um mit ihm den Lauf der Welt zu lenken und zu vollenden. An anderer Stelle sagt der Hebräerbrief: Weil Jesus selbst am Kreuz noch an seinem Glauben und an seiner Hoffnung festhielt, darum wurde er zum himmlischen Hohepriester, der für uns Heil und Leben bei Gott erwirken kann. Die Auferstehung Jesu an Ostern hat ein für allemal Tod, Sünde, Teufel und Hölle überwunden – von nun an steht der Weg zu Gott für uns weit offen. Alle Verheißungen Gottes, für die die „Wolke der Zeugen“ uns Vorbild waren, finden in Jesus ihren Abschluss und ihre Erfüllung. Seit Karfreitag und Ostern kann uns nun nichts mehr von Gottes Liebe trennen!

Liebe Gemeinde!

Es ist aber der Glaube eine feste Zuversicht dessen, was man hofft, und ein Nichtzweifeln an dem, was man nicht sieht.

Der heutige Predigttext fordert uns als Christinnen und Christen auf, unser Vertrauen in Gott auch in schwierigen Zeiten durchzuhalten. Der Hebräerbrief vergleicht die Kirche mit dem wandernden Gottesvolk in der Wüste, das dem verheißenen Land entgegengeht. Das bedeutet aber übertragen auf uns, dass wir als Gemeinde nicht in einer Komfortzone leben und unser Christsein nicht in der Kuschelecke gelebt werden kann. Ganz bewusst spricht deshalb unser Predigttext auch vom „Kampf, der uns aufgetragen ist“. Vielleicht ist ja die Corona-Pandemie auch eine Bewährungszeit für unseren Glauben und unsere Hoffnung, damit wir neu aufsehen lernen zu Jesus Christus, der in uns Vertrauen wachsen lässt und es ans Ziel bringen wird.

Zwei konkrete Handlungsanweisungen gibt uns der Verfasser des Hebräerbriefs in unserem heutigen Predigttext: Lasst uns ablegen alles, was uns beschwert, und die Sünde, die uns umstrickt. Ich versuche, das einmal auf unsere Situation heute zu übertragen: Die Corona-Pandemie verlangt uns allen viel ab an Kraft, an Nerven, an Durchhaltevermögen. Und viele von uns sorgen sich wirklich um ihre Existenz oder um den gesellschaftlichen Zusammenhalt, je länger der Lockdown und andere Einschränkungen gelten. Aber wir müssen aufpassen, dass wir durch diese Sorgen nicht in einen Abwärtssog gerissen werden, der uns am Ende nur lähmt. Angst ist selten ein guter Ratgeber für unser Leben. Darum müssen wir immer wieder Wege finden, die Sorgen nicht zu groß werden zu lassen, sondern sie etwa auch im Gebet an Gott abzugeben: Ablegen alles, was uns beschwert.

Und mir leuchtet die Formulierung unseres Predigttextes ein, dass Sünde einen „umstricken“ kann. Ganz heimlich und tröpfchenweise träufelt sie sich in unsere Gedanken ein, bis sie ganz von uns Besitz genommen hat. Ich kann es mir nur so erklären, warum auch sonst vernünftige Menschen irgendwelchen kruden Verschwörungstheorien auf den Leim gehen – als ob hinter der Corona-Pandemie etwa Bill Gates stehen würde, der dadurch die ganze Welt unter Impfzwang stellen wolle, um dann mit der Spritze einen Microchip einzupflanzen … Lassen wir uns von solchen „Querdenkern“ nicht fangen, sondern wirklich nüchtern bleiben und voller Vertrauen auf Gott dort anpacken, wo es nötig ist. Dafür will Jesus uns stärken und ermutigen. So, wie es Franz von Assisi einmal gesagt hat: „Tu erst das Notwendige, dann das Mögliche, und plötzlich schaffst du das Unmögliche.“ Amen

Predigt über Johannes 11,46-53 am Sonntag Judika, 21. März. Von Pfarrer Friedemann Glaser

Liebe Gemeinde,

letzten Montag hatte ich endlich meinen Impftermin gegen Covid19 in Ravensburg. Alles war gut organisiert, die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Impfzentrums schleusten mich freundlich durch die verschiedenen Etappen, die der eigentlichen Impfung voraulaufen. Aber dann ging es plötzlich nicht mehr weiter. Es folgten einige Minuten der Ratlosigkeit sowohl bei den Wartenden als auch bei den Verantwortlichen. Schließlich die Information: Auf Anordnung des Bundesgesundheitsministeriums wurden alle Impfungen mit dem AstraZeneca-Impfstoff gestoppt. Ohne Impfung und ohne eine Ahnung, wie es nun weitergehen soll, fuhr ich also wieder nach Hause.

 

War das nun richtig, die Impfungen aufgrund einiger weniger Komplikationen auszusetzen und erst einmal die Nebenwirkungen des AstraZeneca-Impfstoffs genauer unter die Lupe zu nehmen? Oder war es angesichts steigender Infektionszahlen und der Gefahr einer dritten Corona-Welle sogar fahrlässig, nicht mehr weiter zu impfen? Ehrlich gesagt: Ich beneide einen Gesundheitsminister Jens Spahn gerade nicht um seine Aufgabe, denn wie man es auch macht, ist es am Ende scheinbar immer falsch … Das sollten wir bedenken, bevor wir vorschnell über unsere verantwortlichen Politiker urteilen!

Von einem politischen Dilemma erzählt auch unser Predigttext aus dem 11. Kapitel des Johannesevangeliums. Ich lese die Verse 46-53: 46 Einige aber von ihnen gingen hin zu den Pharisäern und sagten ihnen, was Jesus getan hatte.

47 Da versammelten die Hohenpriester und die Pharisäer den Hohen Rat und sprachen: Was tun wir? Dieser Mensch tut viele Zeichen. 48 Lassen wir ihn gewähren, dann werden sie alle an ihn glauben, und dann kommen die Römer und nehmen uns Tempel und Volk. 49 Einer aber von ihnen, Kaiphas, der in diesem Jahr Hoherpriester war, sprach zu ihnen: Ihr wisst nichts;

50 ihr bedenkt auch nicht: Es ist besser für euch, ein Mensch sterbe für das Volk, als dass das ganze Volk verderbe.

51 Das sagte er aber nicht von sich aus, sondern weil er in diesem Jahr Hoherpriester war, weissagte er.

Denn Jesus sollte sterben für das Volk 52 und nicht für das Volk allein, sondern auch, um die verstreuten Kinder Gottes zusammenzubringen.

53 Von dem Tage an war es für sie beschlossen, dass sie ihn töteten.

 

Liebe Gemeinde!

Wer ist dieser Hohepriester Kaiphas für Sie: Ein Zyniker der Macht, der Jesus einfach über die Klinge springen lässt, um sein eigenes Schäfchen ins Trockene zu bringen? Oder ein verantwortlicher Politiker, dem es um den Schutz seines Volkes vor den Römern geht, die in Jesus vielleicht einen Aufrührer sahen? Ist Kaiphas Sorge um das Wohl aller nur vorgeschoben, um den unliebsamen Jesus aus dem Weg zu räumen? Oder steckt dahinter wirklich ein ernsthaftes Abwägen, lieber den Einen zu opfern als ein blutiges Gemetzel durch den Statthalter Pilatus zu riskieren?

Es ist besser für euch, ein Mensch sterbe für das Volk, als dass das ganze Volk verderbe. Ich muss bei diesen Worten des Hohepriesters Kaiphas immer an den ehemaligen Bundeskanzler Helmut Schmidt denken, der im Herbst 1977 vor einer ähnlich schweren Entscheidung stand: Terroristen der RAF hatten damals den Arbeitgeberpräsidenten Hans-Martin Schleyer brutal entführt und seinen Fahrer sowie drei begleitende Polizisten erschossen. Nun versuchten sie, mit ihrer Geisel die führenden RAF-Häftlinge aus dem Hochsicherheitsgefängnis Stammheim freizupressen. Helmut Schmidt aber lehnte jede Verhandlung mit den Geiselnehmern ab. „Der Staat darf sich nicht erpressen lassen“ – das war seine Überzeugung damals. Anders sah es die Familie von Hans-Martin Schleyer, die bereit war, ein hohes Lösegeld für ihn zu zahlen und sogar vor das Bundesverfassungsgericht zog, um den Bundeskanzler zum Einlenken zu zwingen. Auch das Gericht machte es sich nicht leicht in seiner Urteilsbegründung, kam aber zu dem Beschluss, dass das Schicksal eines Einzelnen hier dem Wohl der ganzen Gesellschaft untergeordnet werden muss. Die Bundesregierung blieb im Herbst 1977 hart – Sie alle wissen, dass dann die Situation mit der Entführung der Lufthansamaschine „Landshut“ nach Mogadischu und ihrer Befreiung sowie mit den Selbstmorden in Stammheim völlig eskaliert ist. Auch Hans-Martin Schleyer wurde dann von seinen Geiselnehmern erschossen. Aber die Bedrohung der bundesdeutschen Gesellschaft durch den Linksterrorismus war damit gebrochen. Besser ein Mensch stirbt für das Volk, als dass das ganze Volk verderbe? Die Witwe von Hans-Martin Schleyer hat Helmut Schmidt bis zu ihrem Tod seine Haltung nicht vergeben. Und auch für den ehemaligen Bundeskanzler blieb diese Entscheidung, gegenüber den Terroristen hart zu bleiben, die schwierigste seiner gesamten Amtszeit. Erst 2013 haben sich die Söhne mit Helmut Schmidt versöhnt und verleiten ihm den nach ihrem getöteten Vater benannten Hans-Martin-Schleyer-Preis für sein politisches Wirken.

Liebe Gemeinde!

Jesus hat einfach nicht ins System gepasst – damals so wenig wie heute. Mit seinen Worten und Taten hat er die herrschende Gesellschaftsordnung und die verfasste Religion in Frage gestellt. Für Jesus hatte jeder Mensch direkten Zugang zum himmlischen Vater – ohne Vermittlung durch die Priester und den Tempelkult. Jesus wandte sich gerade den Armen, den Kranken und den Ausgegrenzten zu – für ihn gehörten nicht nur die Starken, Reichen und Frommen zum Volk Gottes. Und als Jesus dann noch den toten Lazarus neu aus seinem Grab ins Leben rief, da stellte er den Lauf der Welt vollends auf den Kopf – was, wenn nicht einmal mehr der Tod das letzte Wort hat? Was gilt dann überhaupt noch? Kein Wunder kommen viele zum Hohen Rat aus Priestern und Schriftgelehrten, um vor diesem Jesus zu warnen: mag er noch so gewaltlos und freundlich auftreten, so ist er doch ein Revolutionär und Aufrührer! Jedenfalls hat er die Mächtigen seiner Zeit so provoziert, dass die am Ende beschlossen, ihn ein für allemal zum Schweigen zu bringen und zu töten.

Freilich: „Des Menschen Herz erdenkt sich seinen Weg; aber der HERR allein lenkt seinen Schritt.“ (Sprüche 16,9) So sagt es die Tageslosung vom vergangenen Donnerstag. Es ist eine tiefe Weisheit der Bibel, dass am Ende doch Gott im Regiment sitzt und den Lauf der Welt lenkt. Dahinter steht die Erfahrung und die Hoffnung, „dass Gott auch aus dem Bösesten noch Gutes entstehen lassen kann und will“, wie es Dietrich Bonhoeffer einmal geschrieben hat. Selbst der Tod Jesu am Kreuz auf Golgatha ist am Ende nicht sinnlos, sondern Gott schafft damit etwas Neues. Und deshalb hat die politisch gemeinte Aussage des Kaiphas in Wahrheit prophetische Bedeutung:

Denn Jesus sollte sterben für das Volk und nicht für das Volk allein, sondern auch, um die verstreuten Kinder Gottes zusammenzubringen.

 

Durch Jesu Tod und Auferstehung bekommen wir ein neues Verhältnis zu Gott. Von nun an kann uns nichts mehr von seiner Liebe trennen – nicht einmal, wenn wir sterben müssen. Denn seit Ostern ist der Tod nur noch der Durchgang zu einem neuen Leben ganz bei Gott. Diese Hoffnung schenkt uns Jesus mit seiner Auferstehung.

Und diese Hoffnung gilt allen Menschen auf der ganzen Erde, nicht nur einem kleinen Kreis von Frommen am Tempel von Jerusalem. Die Auferweckung Jesu von den Toten hat eine weltumspannende Bedeutung – sie verbindet uns über alle Grenzen und über alle Zeiten hinweg als Kinder Gottes.

Liebe Gemeinde!

Was bedeutet das Sterben Jesu nun für uns? Ich möchte es mit Worten des Neutestamentlers Gerd Theißen zusammenfassen, den manche vielleicht als Autor des Jesus-Buches „Der Schatten des Galiläers“ kennen:

„Jesus wurde verurteilt und gekreuzigt:

Er war ein Opfer von Konflikten zwischen Herrschern und Beherrschten,

Land und Stadt, Armen und Reichen.

Er litt unter Gottes Verborgenheit.

Er schrie: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen.“ (Markus 15,34)

Wollte er verzweifelt schreien:

Wozu hast du mich verlassen?

Welchen Sinn hat diese Qual?

Gerade deshalb hat diese Sinnlosigkeit einen Sinn für uns.

Gott versichert durch Jesu Sterben: Ich verlasse Euch auch in Gottverlassenheit nicht.

Jesus wurde der Letzte durch seinen Tod am Kreuz.

Gerade deshalb starb er für uns.

Gott verkündigt durch seinen Tod:

Ich erwähle, was in der Welt nichts ist, und mache zunichte, was groß in ihr ist.

Was in der Welt gilt, gilt nicht für euch …

 

Jesu Sterben wurde Lebensgewinn für viele.

Christen erkennen:

Er starb nicht nur für die, die ihn verrieten.

Er starb für uns. Er starb für alle.

Dass Menschen andere Menschen für sich sterben lassen, ist nicht Grund der Erlösung. Es ist das Unheil, das nach Erlösung schreit. Von jenseits der Todesgrenze hören wir die Botschaft:

Das ist Sünde, die Bereitschaft, andere Menschen für sich sterben zu lassen.

Doch Gott verkündigt durch Christi Tod: Davon will ich euch befreien.

 

Ihr seid nicht dazu verdammt,

auf Kosten anderer zu leben.

Ihr dürft für andere leben.

Denn auch Christus ist nicht nur gestorben, sondern lebt für euch.

Darum dürft auch ihr leben und im Leben für andere da sein.“

(Quelle: Gerd Theißen, Glaubenssätze, ein kritischer Katechismus, Gütersloh 2012, S. 191-192).

 

Amen

Predigt über 2. Mose 13,20-22, am Sonntag Okuli, 7. März. Von Pfarrer Friedemann Glaser

Als Predigttext hören wir Worte aus dem 13. Kapitel des 2. Mosebuches. Das Volk Israel war unter der Führung Moses aus Ägypten ausgezogen und wanderte nun dem verheißenen Land entgegen. Es sollte ein langer und gefährlicher Weg werden. Und doch war Gott immer an der Seite seines Volkes, wie uns die Verse 20-22 erzählen:

20 So zogen sie aus von Sukkot und lagerten sich in Etam am Rande der Wüste.

21 Und der HERR zog vor ihnen her, am Tage in einer Wolkensäule, um sie den rechten Weg zu führen, und bei Nacht in einer Feuersäule, um ihnen zu leuchten, damit sie Tag und Nacht wandern konnten.

22 Niemals wich die Wolkensäule von dem Volk bei Tage noch die Feuersäule bei Nacht.

 

Liebe Gemeinde!

Endlich frei: Endlich lagen die Sklaverei in Ägypten und die Unterdrückung durch den Pharao hinter dem Volk Israel. Und vor ihm ein selbstbestimmtes Leben in Freiheit. Welch ein glücklicher Moment für Mose und die Israeliten. Ganz neue Lebensperspektiven taten sich da nun für die Zukunft auf!

 

Wie wenig selbstverständlich allerdings ein selbstbestimmtes Leben und gesellschaftliche Freiheit sind, das haben wir im zu Ende gegangenen Jahr 2020 durch die Corona-Pandemie erfahren. Und dabei ging es uns in Deutschland noch relativ gut – das sollten wir nicht vergessen. Trotzdem: Die zum Teil harten Maßnahmen zur Eindämmung der Covid19-Infektionen haben unser Leben bestimmt. Wer von uns hätte sich vor einem Jahr schon vorstellen können, dass wir unsere Kontakte auf ein Minimum beschränken müssen? Dass wir Sperrstunden haben, in denen man nicht ohne ernsthaften Grund draußen sein darf? Dass Gaststätten, Läden, Theater, Museen, Fußballstadien und vieles andere mehr über Wochen einfach geschlossen werden? Dass wir im Bereich der Schulen, der Vereine, aber auch der Kirchengemeinden nie sicher planen konnten, sondern oft von einem Tag auf den anderen allen Konzeptionen über den Haufen schmeißen und von vorne beginnen mussten? Das alles war und ist anstrengend – und bei vielen von uns liegen deshalb auch die Nerven blank. Ich merke an mir selbst, wie ich durch all diese Einschränkungen und Ungewissheiten dünnhäutiger geworden bin. Dennoch: Mit all diesen äußerlichen Zwängen können wir irgendwie leben und uns letztlich arrangieren.

 

Schwieriger aber waren und sind die Folgen der Corona-Verordnungen im zwischen-menschlichen Bereich: Da ist die Bekannte, deren Mann in ganz wenigen Tagen an Covid19 verstorben ist. Als er im Sterben lag, durfte ihn seine Frau aus Hygienegründen nicht im Krankenhaus besuchen, und an seiner Beerdigung durfte sie nicht teilnehmen, weil sie in Quarantäne war. Wer begreift das?

 

Oder ich denke jetzt an die beiden Geschwister, die sich heillos darüber zerstritten haben, ob man den alten Vater an Weihnachten besuchen darf oder nicht. Die Schwester mit Familie wollte unbedingt zu ihm, damit er am Heiligen Abend nicht alleine sein musste. Der Bruder dagegen warf ihr vor, so den gesundheitlich angeschlagenen Vater in Gefahr zu bringen, weil doch sie und ihr Mann beruflich mit vielen Menschen und damit also auch mit vielen potentiellen Virenträgern zu tun haben. Was ist da nun richtig? Die beiden Beispiele zeigen, wie unbarmherzig Corona mitunter unser Leben 2020 geprägt hat.

Hoffnung für das neue Jahr macht nun, dass mit den Impfungen gegen Covid19 begonnen wurde. Vielleicht normalisiert sich dadurch im Laufe der ersten Monate 2021 unser Leben wieder einigermaßen. Wenn es denn ein einfaches Zurück vor Corona überhaupt gibt – noch wissen wir ja auch nicht, welche gesellschaftlichen und psychischen Folgeschäden die Pandemie angerichtet hat.

 

Liebe Gemeinde!

An diesem Jahreswechsel 2020 – 2021 sind wir also in einem ähnlichen unsicheren Zwischenstadium, wie es das Volk Israel damals nach seinem Auszug in Ägypten war. Noch lag ein langer Weg bis zum gelobten Land vor den Israeliten – und dieser Weg führte mitten durch die Wüste. Um dafür Kraft zu schöpfen, lagerte Israel an deren Rand in Etam. So, wie wir vielleicht in diesen Tagen des zweiten Lockdowns noch einmal Luft holen für den Kampf gegen das Corona-Virus.

 

In dieser schwierigen Situation braucht es Vergewisserung. Und Israel bekommt solche Vergewisserung ganz handfest: Gott selbst will vor seinem Volk herziehen und ihm die Richtung weisen – am Tag durch eine Wolke und in der Nacht mit einer Feuersäule. Und auch uns sagt Gott an diesem besonderen Jahreswechsel zu, dass er mit uns gehen und bei uns sein wird. Gott lädt uns ein, ihm zu vertrauen und uns von ihm leiten zu lassen. In einer Geschichte aus China heißt es: Ich sagte zu dem Engel, der an der Pforte des neuen Jahres stand: Gib mir ein Licht, damit ich sicheren Fußes der Ungewissheit

entgegengehen kann! Aber er antwortete: Gehe nur hin in die Dunkelheit und lege deine Hand in die Hand Gottes! Das ist besser als ein Licht und sicherer als ein bekannter Weg!

Meine Hand in die Hand Gottes legen.

Darauf vertrauen, dass er für mich die Richtung weiß. In der Corona-Krise haben wir vielleicht auch manche Wegweisungen Gottes neu entdeckt: Zum Beispiel den Wert persönlicher Begegnungen, einer Umarmung, eines leibhaftigen Gesprächs – was keine E-Mail, keine WhatsApp und keine Videokonferenz ersetzen können, so wichtig sie auch in Krisenzeiten sein mögen. Oder den Wert von nüchternem, pragmatischem, vernunftgeleitetem politischem Handeln, das uns besser durch die Pandemie geleitet hat als populistische Parolen oder verquere Verschwörungstheorien. Oder vielleicht auch der heilsame Zwang während des Lockdowns, mich mir selbst stellen zu müssen, weil da ja plötzlich Zeit war und ich mich nicht mehr in die Arbeit oder in Unterhaltungsangebote flüchten konnte. Gebe uns Gott, dass wir solche Richtungshinweise auch ernst nehmen!

Liebe Gemeinde!

Gott geht mit uns. Wir sind nicht allein auf unserem Weg. Manchmal wünschten wir uns vielleicht, Gott möge uns so sichtbar begleiten wie das Volk Israel damals mit der Wolke und der Feuersäule. Solch eindeutige Vergewisserung haben wir aber nicht – deshalb nehmen wir Gottes Begleitung manchmal auch in Anspruch, wenn wir auf gottlosen Wegen gehen: Auf dem Koppelschloss der deutschen Wehrmacht im II. Weltkrieg etwa stand neben dem Hakenkreuz die Aufschrift „Gott mit uns“ …

 

Was für das Volk Israel damals die Wolke und die Feuersäule waren, ist für uns als Christinnen und Christen die Person Jesu. Er trägt den Ehrennamen „Immanuel“ – das heißt übersetzt nichts anderes als „Gott mit uns“. Im Menschen Jesus kommt Gott uns ganz nahe und teilt Höhen wie Tiefen unseres Lebens.

Wo wir uns an diesen Jesus halten, da spüren wir Gottes Liebe zu uns Menschen. Da erleben wir, wie Gott Ja sagt zu uns. Da bekommen wir neue Kraft für die Aufgaben, vor die wir gestellt werden. Da wachsen wir in der Gewissheit, dass nichts und niemand uns von Gott trennen kann – nicht einmal der Tod.

 

Und wo wir uns an Jesus halten – an den „Immanuel“, den „Gott mit uns“ -, da bekommen wir dann auch Orientierung für unser Leben und Handeln. Denn er hat uns vorgelebt, dass Beziehungen immer wichtiger sind als das eigene Rechthaben; dass Menschen noch einmal von vorne beginnen können, auch wenn sie ihr bisheriges Leben verpfuscht haben; dass Rücksicht auf die Bedürfnisse meines Nächsten weiter bringt, als meine persönliche Freiheit ungehemmt auszuleben. Lassen Sie uns immer wieder an diesem Jesus ein Beispiel nehmen gerade jetzt, wenn wir die Weichen stellen für ein Leben nach der überstandenen Corona-Pandemie!

 

Wir kommen von Weihnachten her. Mit dem Kind im Stall von Bethlehem vergewissert uns Gott, dass er für immer an unserer Seite gehen wird. Rudolf Otto Wiemer beschreibt das so:

Gott geht durch die Zeiten

Gottes Füße schreiten

leiser als der Stundenschlag

Gott kommt jeden Tag.

 

Gott geht durch die Zeiten

alle Dunkelheiten

alle Tränen bleiben nicht

Gott ist lauter Licht.

 

Gott geht durch die Zeiten

will auch uns geleiten

hat die Krippe aufgestellt

mitten in der Welt. Amen

Predigt über Lukas 13,31-35 am Sonntag Estomihi,14. Februar 2021, von Pfarrer Friedemann Glaser

„Der vernünftige Mensch passt sich der Welt an; der unvernünftige besteht auf den Versuch, die Welt sich anzupassen. Deshalb hängt aller Fortschritt von unvernünftigen Menschen ab.“

So, liebe Gemeinde, hat es der englische Schriftsteller George Bernard Shaw einmal gesagt: „… aller Fortschritt (hängt) von unvernünftigen Menschen ab.“

Einer der schönsten Orte bei Florenz ist der Monte Ceceri oberhalb von Fiesole, von dem man nicht nur eine wunderbare Aussicht auf die ganze Stadt mit dem Dom, dem Palazzo Vecchio und den vielen anderen Sehenswürdigkeiten hat. Sondern der Monte Ceceri ist auch ein historisch wichtiger Ort: Dort hat nämlich Leonardo da Vinci um das Jahr 1500 herum seine ersten Flugversuche gemacht. Schon als Kind war er fasziniert vom Flug der Vögel. Später hat er dann immer wieder versucht, Maschinen zu konstruieren, mit denen auch Menschen wie Vögel fliegen können. Man hat ihn damals schlicht für verrückt gehalten – aber wie gesagt: „… aller Fortschritt (hängt) von unvernünftigen Menschen ab.“ Tatsächlich gelang Leonardo die Erfindung eines Gleitschirms, der wirklich flog. Am Monte Ceceri hat ihn dann einer seiner Gehilfen ausprobiert. Das Leichtflugzeug funktionierte – allerdings brach sich der Pilot bei der Landung ein Bein und mehrere Rippen. Vielleicht hätte er lieber den Fallschirm benutzt, den Leonardo ebenfalls entworfen hatte. Im Jahr 2000 hat ihn ein britischer Ingenieur nachgebaut und ist mit ihm tatsächlich sicher gesprungen. Es dauerte dann weitere 400 Jahre, bis mit Otto Lilienthal und den Brüdern Wright um das Jahr 1900 erste Flugzeuge gebaut wurden. Der unvernünftige Leonardo war seiner Zeit damals einfach meilenweit voraus!

In unserem heutigen Predigttext aus dem 13. Kapitel des Lukasevangeliums geht es ebenfalls um die Frage, was vernünftig wäre. Ich lese die Verse 31-35:

31 Zu dieser Stunde kamen einige Pharisäer und sprachen zu Jesus: Mach dich auf und geh weg von hier; denn Herodes will dich töten. 32 Und Jesus sprach zu ihnen: Geht hin und sagt diesem Fuchs: Siehe, ich treibe Dämonen aus und mache gesund heute und morgen, und am dritten Tage werde ich vollendet.

33 Doch muss ich heute und morgen und am Tag danach wandern, denn es geht nicht an, dass ein Prophet umkomme außerhalb von Jerusalem.

34 Jerusalem, Jerusalem, die du tötest die Propheten und steinigst, die zu dir gesandt sind! Wie oft habe ich deine Kinder versammeln wollen wie eine Henne ihre Küken unter ihre Flügel, und ihr habt nicht gewollt!

35 Seht, euer Haus wird euch allein überlassen. Ich sage euch: Ihr werdet mich nicht mehr sehen, bis die Zeit kommt, da ihr sagen werdet: Gelobt ist, der da kommt im Namen des Herrn!

 Liebe Gemeinde!

„Nimm doch Vernunft an!“ – so möchte man Jesus fast zurufen. Jetzt kommen sogar schon die Pharisäer, mit denen Jesus ja im Dauerclinch lag, und warnen ihn. Sein Landesherr, der König Herodes Antipas, trachtet ihm nach dem Leben. Und dass der nicht lang fackelt, das hatte er bewiesen, als er Johannes den Täufer gefangen nehmen und hinrichten ließ. Mit diesem Herodes war also nicht zu spaßen. Vernünftig wäre es da gewesen, Jesus wäre für einige Zeit untergetaucht oder in ein anderes Land gegangen, um sich nicht in Gefahr zu bringen. Hätte er mal auf den Rat der Pharisäer gehört!

Aber Jesus lässt sich nicht mundtot machen und schon gar keine Angst einjagen. Statt vernünftig einzulenken, provoziert er sogar den König Herodes Antipas noch, indem er ihn einen verschlagenen Fuchs nennt und ihm deutlich macht, dass er eigentlich machtlos sei.

Unvernünftig oder mutig? Bis heute kann man darüber streiten, etwa wenn ein Alexej Nawalny trotz eines Giftanschlags auf sein Leben nach Russland zurückkehrt, um Machthaber Putin die Stirn zu bieten. Oder auch, wenn das diakonische Zentrum der Waldenser in Riesi auf Sizilien nicht müde wird, gegen das organisierte Verbrechen zu kämpfen, selbst als die Maffia als Zeichen der Warnung und Einschüchterung ihm eine leere Patronenhülse per Post schickt. Was täten Sie selbst in einer solchen Situation? Vernünftigerweise besser den Rückzug antreten oder scheinbar unvernünftig, aber mutig dagegenhalten?

Ich denke, es sind zwei Beweggründe bei Jesus, warum er sich trotz aller Gefahr gegen Herodes stellt und nicht kleinbeigibt:

Zum einen steht Jesus zu seinem Auftrag, Menschen zu heilen und sie von Dämonen zu befreien – also ihnen Heil für Leib und Seele sowie ein selbstbestimmtes Leben zu bringen. Deshalb kann er sich den Mächten der Gewalt und des Todes nicht beugen. Viel mehr geht es gerade darum, zu zeigen, dass Heil und Leben stärker sind als alle Angst und Bedrohung.

Und außerdem weiß sich Jesus in der Hand Gottes. Nicht irgendein mächtiger König – und sei er noch so skrupellos – bestimmt letztlich über sein Leben, sondern der Vater im Himmel lenkt das Leben seines Sohnes. Und so kann Jesus in großer innerer Freiheit seinem Landesherrn ins Gesicht widerstehen: „Du hast keine Macht über mich. Ich wirke im Auftrag Gottes, der mich nach Jerusalem führen wird!“

Liebe Gemeinde!

Manchmal erschrecke ich darüber, wie Jesus scheinbar sehenden Auges seinen Weg ans Kreuz gegangen ist. Musste es denn zwangsläufig so kommen? Oder hätte es irgendwann eine Möglichkeit gegeben, noch einmal die Richtung zu ändern? Und ist nicht das Ringen Jesu im Garten Gethsemane vielleicht doch auch ein Hinweis darauf, dass Jesus selbst nach einem Ausweg gesucht hat?

Aber gerade diese Konsequenz, mit der Jesus seinen Weg geht, fasziniert mich auch an ihm. Jesus redet nicht nur von der Liebe zu den Menschen und von der Freiheit, die wir aus dem Glauben an Gott gewinnen – er lebt sie auch, selbst wenn ihn das ins Leiden führt. Jesus war ganz einfach überzeugt, den richtigen Weg zu gehen, und wusste sich dabei von seinem himmlischen Vater geführt. „Nicht wie ich will, sondern wie du willst“ – zu diesem Gottvertrauen ringt sich Jesus durch.

In diesem Jahr würde Sophie Scholl hundert Jahre alt. Sie, die zunächst eine steile Karriere als Jungmädelführerin gemacht hatte, geriet nach ihrem 16. Lebensjahr immer stärker in Konflikt mit dem Nationalsozialismus, weil der die persönliche Freiheit mehr und mehr einschränkte und unmenschlich gegen alle Andersdenkenden vorging. Gestärkt wird sie in ihrem Widerstand durch ihren christlichen Glauben: 1942 schreibt sie ein Gebet in ihr Tagebuch, in dem sie sich ganz in Gottes Hand gibt und bereit ist, ihr Leben zu opfern für andere, die leiden und unterdrückt werden. Lieber will sie selbst Unrecht und Verfolgung ertragen, als gleichgültig und gefühllos alles hinzunehmen. Ihr Weg führt sie mit ihrem Bruder Hans und dessen Freunde in den Widerstand gegen Hitler. Die „Weiße Rose“ verteilt in München und anderen süddeutschen Städten unter Lebensgefahr Flugblätter, nachts schreiben sie Freiheitsparolen auf Hauswände. Erst in jüngster Zeit wurde aus neuen Aktenfunden deutlich, wie sehr diese Aktionen die nationalsozialistische Führung in Angst und Schrecken versetzte. In einem dieser Flugblätter schrieben Hans und Sophie Scholl: „Hat dir nicht Gott selbst die Kraft und den Mut gegeben zu kämpfen? Wir müssen das Böse dort angreifen, wo es am mächtigsten ist, und es ist am mächtigsten in der Macht Hitlers.“

Am 18. Februar 1943 werden Hans und Sophie Scholl beim Verteilen von Flugblättern in der Münchner Uni verhaftet. Drei Tage lang werden die Geschwister von der Gestapo verhört – aber Sophie Scholl beugt sich weder den Drohungen mit der Hinrichtung noch dem Angebot, frei zu kommen, wenn sie gegen die „Weiße Rose“ aussagt. Am 22. Februar 1943 verurteilt der Volksgerichtshof Hans und Sophie Scholl sowie ihren Freund Christoph Probst zum Tode. Gemeinsam feiern sie noch das Heilige Abendmahl und lassen sich vom Gefängnisgeistlichen die Worte Jesu aus dem Johannesevangelium (15,13) zusagen: "Niemand hat größere Liebe denn die, dass er sein Leben hingibt für seine Freunde."

Dann gehen sie alle aufrecht und überzeugt von ihrem Weg zur Hinrichtung. Selbst der Henker sagt nach dem Krieg aus, dass er niemand in einem solchen Gottvertrauen hat sterben sehen. „Freiheit“ war das letzte, was Sophie Scholl auf die Rückseite ihres Todesurteils noch geschrieben hat. In solcher Gewissheit, wie sie Jesus oder Sophie Scholl ausgestrahlt haben, scheint mitten im Tod schon das neue Leben des Ostermorgens auf.

 Noch eine Parallele habe ich zwischen den Geschwistern Scholl und Jesus gefunden, liebe Gemeinde: So entschieden sie gegen das Böse eintraten, haben sie dennoch nie aus Hass gehandelt. Bei ihrem letzten Abendmahl im Gefängnis Stadelheim hat der Pfarrer ausdrücklich gefragt, ob sie versöhnt mit den Menschen in den Tod gingen. Hans und Sophie Scholl bejahten das und beteten für ihre Henker. Und auch in unserem Predigttext finden wir das: Jesus ringt um die Menschen von Jerusalem, die ihn am Ende ans Kreuz bringen. Im Bild von der Henne, die schützend die Flügel über ihre Küken hält, spüren wir die Liebe sogar zu seinen Feinden. Auch der Hass und die Gewalt gegen ihn, auch sein Leiden und sein Sterben am Kreuz können Jesus nicht brechen, sondern er bleibt sich in seiner heilvollen Zuwendung zu allen Menschen treu. So endet unser Predigttext auch nicht mit düsteren Drohungen gegen Jerusalem, sondern mit der Hoffnung Jesu: Ich sage euch: Ihr werdet mich nicht mehr sehen, bis die Zeit kommt, da ihr sagen werdet: Gelobt ist, der da kommt im Namen des Herrn!

Lothar Zenetti beschreibt das einmal so:

„Der, von dem ich erzählen will,

wurde geboren in Armut und starb,

noch jung, mit ausgebreiteten Armen

am Kreuz einen schrecklichen Tod.

 

Er sah, wie man weiß, weder Rom noch Athen.

Aber er sah seinen Vater im Himmel und

sah auf der Erde die Menschen im Dunkel

und lehrte sie sehn mit anderen Augen.

Er heilte die Kranken, rief Tote ins Leben.

So zog er umher und warb um die Herzen

und sprach von der Liebe, dem

Königreich Gottes.

 

Er starb, wie er lebte,

und lebt, wie er starb:

mit ausgebreiteten Armen.“

Amen

Predigt zum 2. Sonntag vor der Passionszeit von Pfarrer Friedemann Glaser

Predigt über Lukas 8,4-8

Als Predigttext lesen wir das Gleichnis Jesu „Vom Sämann“.

4 Als nun eine große Menge beieinander war und sie aus jeder Stadt zu ihm eilten, sprach er durch ein Gleichnis:

5 Es ging ein Sämann aus zu säen seinen Samen. Und indem er säte, fiel einiges an den Weg und wurde zertreten, und die Vögel unter dem Himmel fraßen's auf.

6 Und anderes fiel auf den Fels; und als es aufging, verdorrte es, weil es keine Feuchtigkeit hatte.

7 Und anderes fiel mitten unter die Dornen; und die Dornen gingen mit auf und erstickten's.

8 Und anderes fiel auf das gute Land; und es ging auf und trug hundertfach Frucht. Da er das sagte, rief er: Wer Ohren hat zu hören, der höre!

Liebe Gemeinde!

Eigentlich habe ich den älteren Mann in einer meiner früheren Kirchengemeinden immer ganz gerne besucht. Er hatte als Lehrer Latein und Geschichte unterrichtet, war sehr belesen und weit gereist, zudem beschäftigte er sich gerne mit theologischen und philosophischen Fragen – kurz: ein interessanter Gesprächspartner. Freilich, jeder Besuch bei ihm nahm am Ende die immer gleiche Wendung: Je länger wir miteinander redeten, desto mehr steigerte er sich in eine düstere Weltsicht hinein. Alles würde nur noch schlechter, meinte er dann und schimpfte los über die seichte Unterhaltung im Fernsehen und die korrupten Politiker, über die lasche Jugend von heute und die verantwortungslosen Wirtschaftsbosse, über die leeren Kirchen beim Gottesdienst am Sonntagmorgen und den Niedergang der christlichen Werte. Sicher, der pensionierte Lehrer legte seine Finger in manche Wunde. Aber nach jedem Gespräch mit ihm fühlte ich mich ganz ausgelaugt und selbst deprimiert – wie wenn ich von einem Sog nach unten gezogen würde. Ich kam ihm irgendwie auch gar nicht bei, weil er sich so in seiner negativen Weltsicht eingerichtet hatte. Und das, obwohl zum Beispiel sein Enkel stark engagiert in der kirchlichen Jugendarbeit war und seine Schwiegertochter eine sozial sehr aktive Gemeinderätin, also gerade das Gegenteil von dem, was er immer beklagte. Mir tat der Mann einfach nur leid …

 

Ich stelle mir vor, dass es Jesus manchmal auch so gegangen ist: Seine Jünger werden ihn sicher immer wieder einmal gefragt haben, ob sich denn ihr Einsatz für das Reich Gottes überhaupt lohne und ob es sich wirklich rechne, was sie an Zeit und Kraft für die Verkündigung des Evangeliums aufbrachten. Ich glaube sogar, dass sich jeder von uns diese Frage schon einmal gestellt hat, der sich bewusst als Christin oder Christ engagiert und seinen Glauben auch weitergeben will an andere. Vielleicht haben die Jünger die große Menschenmenge gesehen, von der Lukas am Anfang unseres Predigttextes schreibt, und haben bei sich gedacht: Wie viele von diesen Leuten lassen sich von Jesus wirklich ansprechen? Kommen die meisten nicht aus bloßer Neugier, weil Jesus als Wundertäter gerade in aller Munde ist? Werden sie nicht gleich auf dem Heimweg schon wieder in ihren alten Trott verfallen? Und wird die Begeisterung von einigen Zuhörern nicht schnell verfliegen, wenn sie erst einmal wieder zuhause in ihrem Alltag sind? Ach ja, und die wenigen, die es wirklich ernst meinen, werden die ihren Glauben durchhalten, wenn es dann einmal hart auf hart kommt? Die Jünger hatten da sicher keine Illusionen …

Liebe Gemeinde!

Jesus nimmt diese Anfragen seiner Jünger ernst und doch antwortet er ihnen mit einer großen Gelassenheit – einer Gelassenheit, die ich bewundernswert finde: Nehmt Euch doch ein Beispiel am Sämann. Wenn der den Samen großzügig ausstreut, geht auch manches verloren auf dem Weg durch die Vögel, in der Sonnenglut auf den Steinen oder unter den Dornen. Aber am Ende wächst trotzdem hundertfache Frucht heran – ein unglaublicher Ernteertrag, der alles weit in den Schatten stellt, was vergeblich ausgesät wurde. Starrt deswegen nicht immer nur auf die Verluste und rechnet nicht gleich mit raschen Erfolgen, sondern habt Vertrauen, dass das Reich Gottes unter den Menschen wächst – langsam vielleicht und nicht immer sofort sichtbar, aber es wächst stetig und unaufhaltsam.

 Mir gefällt, dass Jesus der Frustration seiner Jünger nicht mit Aktionismus begegnet, dass er keine ausgeklügelte Missionsstrategie entwirft und keine optimierte Kosten-Nutzen-Rechnung aufmacht. Viel mehr mahnt Jesus bei seinen Jüngern Gottvertrauen an: Der Same des Evangeliums wird schon aufgehen. Nicht wir müssen es richten, sondern wir dürfen gelassen darauf warten, dass Gott selbst hundertfach Frucht wachsen lässt.

Nichts gegen Gemeindeaufbaukonzepte und Projekte, um das Evangelium neu unter die Menschen zu bringen. Aber eines muss uns gerade als evangelischen Christen dabei immer wieder bewusst sein: Das Entscheidende können wir nicht machen. Wir können nur Zeugen für unseren Glauben sein, aber wir können niemanden anderen zum Glauben bringen oder gar zwingen – Gott sei Dank können wir das nicht. Sondern Glaube bleibt immer ein Geschenk, er geschieht jeweils zwischen Gott und jedem Einzelnen, er verdankt sich letztlich dem Heiligen Geist.

 Wer diese Unverfügbarkeit des Glaubens vergisst, dem geht es wie dem Bauer in einer alten chinesischen Geschichte: Der war enttäuscht, dass sein Korn nicht recht wachsen wollte. Er versuchte daher, die Halme selbst in die Höhe zu ziehen. Nach dieser harten Arbeit kam der Mann ganz erschöpft nach Hause und sagte zu seinen Leuten: „Ich bin sehr müde. Ich habe meinem Korn geholfen zu wachsen.“ Sein Sohn lief hinaus, um sich das anzusehen, aber er fand die Halme alle verwelkt.

 Liebe Gemeinde!

Damit Sie mich nicht falsch verstehen: Gelassenheit in Glaubensdingen bedeutet etwas anderes, als sich gemütlich oder faul zurückzulehnen. Und Gottvertrauen kann niemals fehlenden Einsatz für das Evangelium Jesu Christi entschuldigen. Viel mehr gilt, was Jörg Zink einmal in seinem Glaubensbekenntnis geschrieben hat: „Mir ist ein Auftrag gegeben: Ich soll in der Liebe Gottes leben und sie für andere spürbar machen. Ich bin ein Saatkorn für das Reich Gottes und für seine Gerechtigkeit. Das ist der Sinn meines Lebens.“

Wir sind Zeugen für Gottes Liebe zu dieser Welt – hoffentlich glaubwürdige Zeugen, die andere Menschen neugierig machen. Aber ob meine Worte und Taten einmal in meinem Gegenüber Glauben wecken, das liegt nicht in meiner Macht – das kann ich nur erhoffen und dafür beten. Und umgekehrt darf ich dankbar dafür sein, dass Gott mich trotz aller meiner Schwächen und trotz meines Kleinglauben dennoch zum Saatkorn erwählt hat, durch das er sein Reich in dieser Welt wachsen lassen will. Ich finde das für mich ungeheuer entlastend – und gerade daraus erwächst mir der Mut, für meinen Glauben einzustehen. So, wie es einer der irischen Segenswünsche sagt: „Ich gehe, die Saat zu säen im Namen dessen, der Wachstum schenkt. Ich stelle mich in den Wind und werfe die Körner in die Höhe, dankbar meinem Schöpfer. Was auf Stein fällt, soll verdorren, was auf Erdreich fällt, soll Wurzeln fassen, soll Leben einatmen vom milden Wind und tausendfach Frucht bringen – so Gott will. Ich mache die Runde bedächtigen Schrittes, geh mit der Sonne säend von früh bis spät im Namen der Engel und der Apostel. Gott – Vater, Sohn und Heiliger Geist – schenkt Wachstum allem, was die Erde hervorbringt, bis zum Tag der großen Ernte.“

 

 

Liebe Gemeinde!

Was mir an Jesu Gleichnis gefällt, ist die Großzügigkeit, mit der der Sämann aussät – nicht geizig kalkulierend, sondern mit vollen Händen. Und überraschenderweise erweist sich dieses Vorgehen am Ende auch als rechnerisch richtig: Unser Gleichnis erzählt letztlich eine Erfolgsgeschichte. Ich weiß nicht, wie es Ihnen beim Hören des Predigttextes ging – aber oft schauen wir ja dabei wie gebannt auf den Weg und die Vögel, auf den Fels und die Dornen, also auf das Problem, dass ein großer Teil des Saatgutes eben keine Frucht bringt. So lässt man aber das Sämanngleichnis vom Eindruck der Vergeblichkeit bestimmt sein und kommt dann zwangsläufig zu einer solch negativen Weltsicht wie der alte Lehrer, von dem ich zu Beginn erzählt habe. Man kann ja beklagen, dass 75 Prozent des Saatgutes keine Frucht bringen. Aber wenn die 25 Prozent, die dem Gleichnis zufolge auf gutes Land fallen, hundertfach Frucht bringen, rechnet sich die Sache immer noch. Das Aussäen des Wortes ist nicht einfach verschwenderisch und schon gar nicht überwiegend vergebens, sondern es handelt sich bei aller Freigiebigkeit um ein Vorgehen, das sich rentiert – weil bei denen, die „gutes Land“ sind, der Ertrag so hoch ist, dass die Verluste weit mehr als nur aufgewogen werden. So lebendig wirkt Gottes Segen!

 Für mich ist diese Logik der Großzügigkeit in unserem Gleichnis eine Mahnung: Wir dürfen als Christinnen und Christen keine Berührungsängste haben – als Saatkörner des Reiches Gottes sind wir zu allen Menschen gesandt. Wir müssen uns deshalb als Kirche auch davor hüten, unseren Blick auf die Gesellschaft zu verengen oder gar zu berechnen, für welche Zielgruppe sich unser Einsatz lohnt und für welche nicht. Eine christliche Gemeinde kann nie Selbstzweck sein, sondern sie ist in die Welt gewiesen, um in Wort und Tag Zeugnis von der Liebe Gottes zu geben. Wo Kirche zur „Wohlfühlgruppe“ wird, in der sich nur Gleichgesinnte treffen, da verfehlt sie ihren Auftrag.

Liebe Gemeinde!

Natürlich kenne ich gerade auch als Pfarrer die Enttäuschung, dass wir Christinnen und Christen uns immer wieder mühen, den Samen des Reiches Gottes auszusäen, und dass wir doch oft so wenige Glaubensfrüchte heranwachsen sehen, geschweige denn ernten können. Wer da noch nie an sich und seinem Tun gezweifelt hat, der nimmt seine Aufgabe vielleicht entweder nicht ernst genug oder aber er belügt sich selbst über die Vergeblichkeit seiner Arbeit. Jesu Gleichnis vom Sämann kann uns da lehren, dass wir ganz einfach einen langen Atem brauchen, wenn wir am Reich Gottes mitbauen wollen. Es kann uns vor allem aber vor drei fatalen Irrwegen bewahren:

Erstens – nicht wir teilen ein, welcher Samen auf fruchtbares oder unfruchtbares Land fällt. Manchmal wächst auch Frucht dort auf, wo wir es gar nicht erwartet haben. Gottes Acker ist immer für Überraschungen gut.

 Zweiter Irrweg – wir können die Aussaat auf einem Feld auch in bester Absicht überdüngen, indem wir meinen, wir müssten dem Glauben eines anderen immer wieder neu auf die Sprünge helfen. Und wir stehen oft in der Gefahr, junge Triebe nach unseren Vorstellungen zu beschneiden, nehmen ihnen damit aber gerade jeden Lebenssaft. Dagegen können wir aus Jesu Gleichnis lernen, auf die eigene Kraft des Samens zu vertrauen. In einem Saatkorn ist doch schon die ganze Frucht angelegt. Man muss die Dinge nur wachsen und reifen lassen.

Und deshalb müssen wir uns drittens davor hüten, in zu kurzen Zeitintervallen zu denken. Glaube heißt Vertrauen. Vertrauen aber muss langsam wachsen. Schritt für Schritt, Stufe um Stufe müssen wir selbst die Erfahrung machen, wie die Beziehung zu Gott unser Leben trägt. Dabei geht jede und jeder von uns das eigene Tempo – die eine schneller, der andere langsamer. So, wie es Christian Morgenstern in seinem Gedicht sagt:

„Alles fügt sich und erfüllt sich,

musst es nur erwarten können

und dem Werden deines Glückes

Jahr und Felder reichlich gönnen.

Bis du eines Tages jenen

reifen Duft der Körner spürst

und dich aufmachst und die Ernte

in die tiefen Speicher führst.“ Amen 

Predigt zum letzten Sonntag nach dem Erscheinungsfest von Pfarrer Friedemann Glaser

Als Predigttext hören wir aus dem 2. Kapitel des Johannesevangeliums die Verse 1-11,  die Geschichte von der Hochzeit in Kana.

1 Und am dritten Tage war eine Hochzeit zu Kana in Galiläa, und die Mutter Jesu war da. 2 Jesus aber und seine Jünger waren auch zur Hochzeit geladen.

3 Und als der Wein ausging, spricht die Mutter Jesu zu ihm: Sie haben keinen Wein mehr.

4 Jesus spricht zu ihr: Was habe ich mit dir zu schaffen, Frau? Meine Stunde ist noch nicht gekommen.

5 Seine Mutter spricht zu den Dienern: Was er euch sagt, das tut.

6 Es standen aber dort sechs steinerne Wasserkrüge für die Reinigung nach jüdischer Sitte, und in jeden gingen zwei oder drei Maße.

7 Jesus spricht zu ihnen: Füllt die Wasserkrüge mit Wasser! Und sie füllten sie bis obenan.

8 Und er spricht zu ihnen: Schöpft nun und bringt's dem Speisemeister! Und sie brachten's ihm.

9 Als aber der Speisemeister den Wein kostete, der Wasser gewesen war, und nicht wusste, woher er kam – die Diener aber wussten's, die das Wasser geschöpft hatten –, ruft der Speisemeister den Bräutigam 10 und spricht zu ihm: Jedermann gibt zuerst den guten Wein und, wenn sie trunken sind, den geringeren; du aber hast den guten Wein bis jetzt zurückgehalten.

11 Das ist das erste Zeichen, das Jesus tat. Es geschah zu Kana in Galiläa, und er offenbarte seine Herrlichkeit. Und seine Jünger glaubten an ihn.

 

 

Liebe Gemeinde!

"Wenn Gott gute, große Hechte und guten Rheinwein erschaffen hat, dann darf ich sie wohl auch essen und trinken." Dieser Meinung war auf jeden Fall Marin Luther. Der Reformator war ein geselliger Mensch, der die Freuden des Lebens zu schätzen wusste - insbesondere auch die Braukunst seiner Frau Käthe. Und Luther war sich sicher: Wenn man mit lieben Freunden zu einem leckeren Essen beieinander sitzt und es sich gut gehen lässt, dann hat Jesus Christus nichts dagegen. Im Gegenteil, dann ist er selbst auch mit dabei.

In unserem Predigttext erfahren wir, dass Jesus gerne auf Festen war und oft mit anderen gut gegessen hat. „Fresser und Weinsäufer“ haben ihn deshalb seine Gegner auch genannt. Mir dagegen ist diese Seite Jesu sehr sympathisch: Er will, dass wir uns am Leben und den Gaben Gottes freuen. Jesus war alles andere als ein Spielverderber oder weltabgewandter Asket.

Und was gibt es Schöneres zu feiern als eine Hochzeit? In einer Welt, die von so vielen Unsicherheiten geprägt ist und die von so vielen „Vielleichts“ bestimmt wird, ist es allemal ein Fest, wenn zwei Menschen zueinander eindeutig Ja sagen. Wo aber die Liebe gefeiert wird, da soll es an nichts fehlen. Da soll aufgefahren werden, was Küche und Keller hergeben. Da soll es fröhlich zugehen und unbeschwert – der graue Alltag kommt schon früh genug wieder. Auch Jesus, seine Mutter Maria und seine Jünger tauchen voll ein in die Hochzeit, die da in Kana gefeiert wird mit Essen und Trinken, Musik und Tanz.

 

Doch dann geht auf dem Höhepunkt des Festes plötzlich der Wein aus. Eine jüdische Hochzeit ohne Wein aber – das war damals undenkbar. Denn Wein war zur Zeit Jesu Symbol der Freude und Zeichen göttlichen Segens. Ging er zur Neige, war das Fest zu Ende.

Noch haben die Hochzeitsgäste vielleicht einen letzten Schluck im Becher und ahnen nichts vom drohenden Abbruch des Festes. Aber Maria hat etwas davon mitbekommen, dass der Wein ausgegangen ist. Jetzt kann nur noch ein Wunder helfen – und wer, wenn nicht Jesus, könnte ein solches tunt? In ihrem Mitleid mit dem Brautpaar und in ihrer Sorge um den Fortgang des Festes wendet Maria deshalb hilfesuchend an ihren Sohn. Jesus aber lässt sein Mutter erst einmal ganz schön abblitzen: Was habe ich mit dir zu schaffen, Frau? Meine Stunde ist noch nicht gekommen.

 

Geht man so mit seiner eigenen Mutter um? Da stockt einem schon erst einmal der Atem, wenn man diese schroffe Antwort Jesu hört. Aber spiegelt sich darin nicht auch eine Erfahrung unseres Glaubens wider? Wie oft versuchen wir, Gott so für unsere Interessen in Anspruch zu nehmen? Sicher, Maria tut das in bester Absicht – so wie wir wahrscheinlich häufig auch. Freilich: Soll Gott zum Lückenbüßer werden, wenn uns etwas fehlt? Gibt es so etwas wie Wunder auf Bestellung, damit unsere Bedürfnisse befriedigt werden? Genau dagegen wehrt sich Jesus mit allem Nachdruck. Er weiß sehr wohl, was wir brauchen und was uns guttut. Aber nicht wir bestimmen, wann und wie Gott einzugreifen hat, sondern es steht in seiner Freiheit, den rechten Zeitpunkt zu bestimmen. Deshalb stehen alle unsere menschlichen Wünsche und Bitten an Gott immer unter dem Vorbehalt, zu dem Jesus selbst sich im Garten Gethsemane durchringen musste: „Nicht wie ich will, sondern wie du willst!“

 

Liebe Gemeinde!

Maria hat das verstanden. Und Jesu Mutter wird uns darin zum Vorbild, wenn sie die Diener anweist: Was er euch sagt, das tut.

Glauben heißt Vertrauen. Maria hat die Gewissheit, dass Jesus die Not sieht und helfen wird. Wie und wann das geschieht, überlässt sie getrost ihrem Sohn. Aber sei hält sich bereit und weist andere darauf hin, woher Hilfe kommen wird.

 

Und tatsächlich greift Jesus dann auch ein. Er befiehlt den Dienern, die bereitstehenden Wasserkrüge zu füllen. Nur damit wir nachher stauen können: Die Maßangaben in unserem Predigttext bedeuten umgerechnet etwa 600 Liter – von der Fülle der Gnade Gottes in Jesus Christus hat auch schon der Wochenspruch geredet!

 

Wieder ist mir ein Detail wichtig: Wunder geschehen meistens nicht ohne menschliche Mitwirkung. Ein Stück weit können wir ihnen den Boden bereiten. Die Diener hätten sich ja auch einfach den Kopf über diese verrückte Idee Jesu schütteln können: Warum sollten sie die Schwerstarbeit leisten und Unmengen Wasser herbeischaffen, wo es doch bei dieser Hochzeit ganz andere Probleme gab?! Aber offensichtlich hatten sie Vertrauen gefasst zu Jesus und taten, was in ihrer Macht stand. Auch die Diener können uns deshalb zum Vorbild werden: Wir sollen als Christinnen und Christen nicht einfach die Hände in den Schoß legen und in falsch verstandener Demut auf das Eingreifen Gottes warten. Sondern was uns Menschen möglich ist, um etwas zum Guten zu wenden, das sollen wir dann auch tun. Denn Gott will durch uns wirken und handeln, damit es Leben in Fülle gibt.

 

Dennoch: Bei allem, was die Diener tun können, bleibt am Ende Wasser doch Wasser und wird trotz aller Anstrengung nicht zu Wein. Auch das müssen wir uns eingestehen: Ohne Gottes Segen ist unser Tun vergebens.

In der Geschichte von der Hochzeit zu Kana freilich erfahren die Menschen, wie Gott durch Jesus Leben in Fülle und überreiche Freude schenkt: Aus dem Wasser wird ein Wein, der an Qualität alles übertrifft – so herrlich schmeckt er, dass der Speisemeister dem Bräutigam sogar Vorwürfe macht: Die Gäste könnten doch diesen brillanten Wein gar nicht mehr würdigen, weil sie doch vom Fusel vorher schon betrunken seien … Ich finde, der Evangelist Johannes beschreibt hier mit einem Augenzwinkern wunderschön, wie großartig der Schöpfer für uns sorgt und uns beschenkt!

 

Liebe Gemeinde!

Unsere Geschichte erzählt nichts davon, ob die Gäste denn etwas von der Verwandlung des Wassers in Wein mitbekommen haben. Nicht einmal der Speisemeister und der Bräutigam scheinen verstanden zu haben, was da geschehen ist und wem sie zu danken haben. Aber von den Jüngern Jesu wird berichtet, dass sie durch dieses Wunder seine Herrlichkeit erkannt haben und an ihn glaubten. Ganz unverhofft wurde der Mangel behoben und das Hochzeitsfest gerettet. Sicher haben auch die Jünger den Wein genossen und waren froh, mit dem Brautpaar weiterfeiern zu können. Aber vor allem haben sie durch die wunderbare Verwandlung von Wasser in Wein erkannt, dass dieser Jesus uns Leben in Fülle schenken kann. Darin können auch sie uns zum Vorbild im Glauben werden – so, wie Dietrich Bonhoeffer es einmal geschrieben hat: „Dem Dankbaren wird alles zum Geschenk, weil er weiß, dass es für ihn überhaupt kein verdientes Gut gibt.“

 

So lassen Sie auch uns dankbar in das Lob Jesu einstimmen in das Lied, das wir gleich von der Orgel hören werden (EG 398,1) – auch wenn wir es zur Zeit nur still dürfen:

In dir ist Freude in allem Leide,

o du süßer Jesu Christ!

Durch dich wir haben himmlische Gaben,

du der wahre Heiland bist;

hilfest von Schanden, rettest von Banden.

Wer dir vertrauet, hat wohl gebauet,

wird ewig bleiben. Halleluja.

Zu deiner Güte steht unser G’müte,

an dir wir kleben im Tod und Leben;

nichts kann uns scheiden. Halleluja.

Amen

 

 

Predigt zum Jahreswechsel von Pfarrer Friedemann Glaser

Predigt über 2. Mose 13,20-22

Als Predigttext hören wir Worte aus dem 13. Kapitel des 2. Mosebuches. Das Volk Israel war unter der Führung Moses aus Ägypten ausgezogen und wanderte nun dem verheißenen Land entgegen. Es sollte ein langer und gefährlicher Weg werden. Und doch war Gott immer an der Seite seines Volkes, wie uns die Verse 20-22 erzählen:

20 So zogen sie aus von Sukkot und lagerten sich in Etam am Rande der Wüste.

21 Und der HERR zog vor ihnen her, am Tage in einer Wolkensäule, um sie den rechten Weg zu führen, und bei Nacht in einer Feuersäule, um ihnen zu leuchten, damit sie Tag und Nacht wandern konnten.

22 Niemals wich die Wolkensäule von dem Volk bei Tage noch die Feuersäule bei Nacht.

 

Liebe Gemeinde,
endlich frei: Endlich lagen die Sklaverei in Ägypten und die Unterdrückung durch den Pharao hinter dem Volk Israel. Und vor ihm ein selbstbestimmtes Leben in Freiheit. Welch ein glücklicher Moment für Mose und die Israeliten. Ganz neue Lebensperspektiven taten sich da nun für die Zukunft auf!

 

Wie wenig selbstverständlich allerdings ein selbstbestimmtes Leben und gesellschaftliche Freiheit sind, das haben wir im zu Ende gegangenen Jahr 2020 durch die Corona-Pandemie erfahren. Und dabei ging es uns in Deutschland noch relativ gut – das sollten wir nicht vergessen. Trotzdem: Die zum Teil harten Maßnahmen zur Eindämmung der Covid19-Infektionen haben unser Leben bestimmt. Wer von uns hätte sich vor einem Jahr schon vorstellen können, dass wir unsere Kontakte auf ein Minimum beschränken müssen? Dass wir Sperrstunden haben, in denen man nicht ohne ernsthaften Grund draußen sein darf? Dass Gaststätten, Läden, Theater, Museen, Fußballstadien und vieles andere mehr über Wochen einfach geschlossen werden? Dass wir im Bereich der Schulen, der Vereine, aber auch der Kirchengemeinden nie sicher planen konnten, sondern oft von einem Tag auf den anderen allen Konzeptionen über den Haufen schmeißen und von vorne beginnen mussten? Das alles war und ist anstrengend – und bei vielen von uns liegen deshalb auch die Nerven blank. Ich merke an mir selbst, wie ich durch all diese Einschränkungen und Ungewissheiten dünnhäutiger geworden bin. Dennoch: Mit all diesen äußerlichen Zwängen können wir irgendwie leben und uns letztlich arrangieren.

 

Schwieriger aber waren und sind die Folgen der Corona-Verordnungen im zwischen-menschlichen Bereich: Da ist die Bekannte, deren Mann in ganz wenigen Tagen an Covid19 verstorben ist. Als er im Sterben lag, durfte ihn seine Frau aus Hygienegründen nicht im Krankenhaus besuchen, und an seiner Beerdigung durfte sie nicht teilnehmen, weil sie in Quarantäne war. Wer begreift das?

 

Oder ich denke jetzt an die beiden Geschwister, die sich heillos darüber zerstritten haben, ob man den alten Vater an Weihnachten besuchen darf oder nicht. Die Schwester mit Familie wollte unbedingt zu ihm, damit er am Heiligen Abend nicht alleine sein musste. Der Bruder dagegen warf ihr vor, so den gesundheitlich angeschlagenen Vater in Gefahr zu bringen, weil doch sie und ihr Mann beruflich mit vielen Menschen und damit also auch mit vielen potentiellen Virenträgern zu tun haben. Was ist da nun richtig? Die beiden Beispiele zeigen, wie unbarmherzig Corona mitunter unser Leben 2020 geprägt hat.

Hoffnung für das neue Jahr macht nun, dass mit den Impfungen gegen Covid19 begonnen wurde. Vielleicht normalisiert sich dadurch im Laufe der ersten Monate 2021 unser Leben wieder einigermaßen. Wenn es denn ein einfaches Zurück vor Corona überhaupt gibt – noch wissen wir ja auch nicht, welche gesellschaftlichen und psychischen Folgeschäden die Pandemie angerichtet hat.

Liebe Gemeinde, an diesem Jahreswechsel 2020 – 2021 sind wir also in einem ähnlichen unsicheren Zwischenstadium, wie es das Volk Israel damals nach seinem Auszug in Ägypten war. Noch lag ein langer Weg bis zum gelobten Land vor den Israeliten – und dieser Weg führte mitten durch die Wüste. Um dafür Kraft zu schöpfen, lagerte Israel an deren Rand in Etam. So, wie wir vielleicht in diesen Tagen des zweiten Lockdowns noch einmal Luft holen für den Kampf gegen das Corona-Virus.

 

In dieser schwierigen Situation braucht es Vergewisserung. Und Israel bekommt solche Vergewisserung ganz handfest: Gott selbst will vor seinem Volk herziehen und ihm die Richtung weisen – am Tag durch eine Wolke und in der Nacht mit einer Feuersäule. Und auch uns sagt Gott an diesem besonderen Jahreswechsel zu, dass er mit uns gehen und bei uns sein wird. Gott lädt uns ein, ihm zu vertrauen und uns von ihm leiten zu lassen. In einer Geschichte aus China heißt es: Ich sagte zu dem Engel, der an der Pforte des neuen Jahres stand: Gib mir ein Licht, damit ich sicheren Fußes der Ungewissheit

entgegengehen kann! Aber er antwortete: Gehe nur hin in die Dunkelheit und lege deine Hand in die Hand Gottes! Das ist besser als ein Licht und sicherer als ein bekannter Weg!

Meine Hand in die Hand Gottes legen.

Darauf vertrauen, dass er für mich die Richtung weiß. In der Corona-Krise haben wir vielleicht auch manche Wegweisungen Gottes neu entdeckt: Zum Beispiel den Wert persönlicher Begegnungen, einer Umarmung, eines leibhaftigen Gesprächs – was keine E-Mail, keine WhatsApp und keine Videokonferenz ersetzen können, so wichtig sie auch in Krisenzeiten sein mögen. Oder den Wert von nüchternem, pragmatischem, vernunftgeleitetem politischem Handeln, das uns besser durch die Pandemie geleitet hat als populistische Parolen oder verquere Verschwörungstheorien. Oder vielleicht auch der heilsame Zwang während des Lockdowns, mich mir selbst stellen zu müssen, weil da ja plötzlich Zeit war und ich mich nicht mehr in die Arbeit oder in Unterhaltungsangebote flüchten konnte. Gebe uns Gott, dass wir solche Richtungshinweise auch ernst nehmen!

Liebe Gemeinde, Gott geht mit uns. Wir sind nicht allein auf unserem Weg. Manchmal wünschten wir uns vielleicht, Gott möge uns so sichtbar begleiten wie das Volk Israel damals mit der Wolke und der Feuersäule. Solch eindeutige Vergewisserung haben wir aber nicht – deshalb nehmen wir Gottes Begleitung manchmal auch in Anspruch, wenn wir auf gottlosen Wegen gehen: Auf dem Koppelschloss der deutschen Wehrmacht im II. Weltkrieg etwa stand neben dem Hakenkreuz die Aufschrift „Gott mit uns“ …

 

Was für das Volk Israel damals die Wolke und die Feuersäule waren, ist für uns als Christinnen und Christen die Person Jesu. Er trägt den Ehrennamen „Immanuel“ – das heißt übersetzt nichts anderes als „Gott mit uns“. Im Menschen Jesus kommt Gott uns ganz nahe und teilt Höhen wie Tiefen unseres Lebens.

Wo wir uns an diesen Jesus halten, da spüren wir Gottes Liebe zu uns Menschen. Da erleben wir, wie Gott Ja sagt zu uns. Da bekommen wir neue Kraft für die Aufgaben, vor die wir gestellt werden. Da wachsen wir in der Gewissheit, dass nichts und niemand uns von Gott trennen kann – nicht einmal der Tod.

 

Und wo wir uns an Jesus halten – an den „Immanuel“, den „Gott mit uns“ -, da bekommen wir dann auch Orientierung für unser Leben und Handeln. Denn er hat uns vorgelebt, dass Beziehungen immer wichtiger sind als das eigene Rechthaben; dass Menschen noch einmal von vorne beginnen können, auch wenn sie ihr bisheriges Leben verpfuscht haben; dass Rücksicht auf die Bedürfnisse meines Nächsten weiter bringt, als meine persönliche Freiheit ungehemmt auszuleben. Lassen Sie uns immer wieder an diesem Jesus ein Beispiel nehmen gerade jetzt, wenn wir die Weichen stellen für ein Leben nach der überstandenen Corona-Pandemie!

 

Wir kommen von Weihnachten her. Mit dem Kind im Stall von Bethlehem vergewissert uns Gott, dass er für immer an unserer Seite gehen wird. Rudolf Otto Wiemer beschreibt das so:

Gott geht durch die Zeiten

Gottes Füße schreiten

leiser als der Stundenschlag

Gott kommt jeden Tag.

 

Gott geht durch die Zeiten

alle Dunkelheiten

alle Tränen bleiben nicht

Gott ist lauter Licht.

 

Gott geht durch die Zeiten

will auch uns geleiten

hat die Krippe aufgestellt

mitten in der Welt. Amen

 

 

Predigt über Matthäus 11,1-10 von Pfarrer Friedemann Glaser

Liebe Gemeinde,
„Warten auf das Christkind“ – so hieß früher eine Sendung an Heilig Abend im Radio, später dann auch im Fernsehen, mit der für die Kinder die Zeit bis zur Bescherung überbrückt werden sollte. Während sie mit besinnlichen Weihnachtsgeschichten und traditionellen Weihnachtsliedern unterhalten wurden, konnten die Eltern noch den Baum schmücken oder die letzten Vorbereitungen in der Küche treffen. Eine ganz hilfreiche Sendung also, die viel innerfamiliären Stress an den Feiertagen verringerte. Es gibt auch ein Gedicht mit dem Titel „Warten auf das Christkind“:

Wir warten auf das Christuskind,

es kommt zu uns bestimmt geschwind`,

verbreitet dabei seinen Segen,

begleitet uns auf allen Wegen.

Zum großen Erlebnis wird unser Fest,

auf das es sich gut warten lässt.

Die Straßen erglänzen im Lichtermeer,

wir freuen uns doch schon so sehr.

Alle Adventskerzen strahlen in voller Pracht,

dem Heiligen Abend wird gedacht.

Wenn der Tisch mit schönen Gaben gedeckt,

ist unser gemeinsames Glück perfekt.

 

Wohl bringt das Christuskind nach diesem Weihnachtsgedicht auch Segen und verspricht uns, immer bei uns zu sein – aber der eigentliche Höhepunkt, für den es sich zu warten lohnt, ist dann doch die festliche Weihnachtsdeko und der reich gedeckte Gabentisch. Heilig Abend als Idylle …

 

Ich will das gar nicht verurteilen. Auch ich freue mich auf ein schönes Fest im Kreis der Familie mit Weihnachtsbaum und Geschenken. Aber das Kind, auf das wir als Christen warten, bringt dann doch noch einmal mehr – so hoffen wir es auf jeden Fall.

In unserem heutigen Predigttext hören wir von einem, der ganz sehnsüchtig wartet, nämlich auf den Messias des Volkes Israel und den Retter der Welt. Johannes der Täufer, der ein Leben lang diesen Messias verkündigt hat und die Menschen auf sein Kommen vorbereiten wollte – dieser Johannes sitzt nun im Gefängnis und weiß, dass er nicht mehr lange zu leben hat. War seine Hoffnung also vergebens? Johannes will es genau wissen und schickt deshalb seine Jünger zu Jesus. Davon erzählt Matthäus im 11. Kapitel seines Evangeliums. Ich lese die Verse 1-10:

1 Und es begab sich, als Jesus diese Gebote an seine zwölf Jünger beendet hatte, ging er von dort weiter, zu lehren und zu predigen in ihren Städten.

2 Da aber Johannes im Gefängnis von den Werken Christi hörte, sandte er seine Jünger

3 und ließ ihn fragen: Bist du, der da kommen soll, oder sollen wir auf einen andern warten? 4 Jesus antwortete und sprach zu ihnen: Geht hin und sagt Johannes wieder, was ihr hört und seht:

5 Blinde sehen und Lahme gehen, Aussätzige werden rein und Taube hören, Tote stehen auf und Armen wird das Evangelium gepredigt;

6 und selig ist, wer sich nicht an mir ärgert.

7 Als sie fortgingen, fing Jesus an, zu dem Volk über Johannes zu reden: Was zu sehen seid ihr hinausgegangen in die Wüste? Ein Schilfrohr, das vom Wind bewegt wird?

8 Oder was zu sehen seid ihr hinausgegangen? Einen Menschen in weichen Kleidern? Siehe, die weiche Kleider tragen, sind in den Häusern der Könige.

9 Oder was zu sehen seid ihr hinausgegangen? Einen Propheten? Ja, ich sage euch: Er ist mehr als ein Prophet.

10 Dieser ist’s, von dem geschrieben steht: »Siehe, ich sende meinen Boten vor dir her, der deinen Weg vor dir bereiten soll.«

Liebe Gemeinde!

Ausgerechnet Johannes zweifelt: Hatte er nicht selbst bei der Taufe Jesu die Stimme Gottes aus dem Himmel gehört „Dies ist mein lieber Sohn, an dem ich Wohlgefallen habe“ (Mt 3,17)? Und sagt nicht unser Predigttext ausdrücklich, dass Johannes die Werke des Messias sah, die Jesus tat? Und doch scheint Johannes unsicher zu sein, ob dieser Jesus wirklich der Messias ist, auf den er ein Leben lang gewartet hat. Vielleicht hat Johannes einfach auch resigniert. Wer will es ihm zum Vorwurf machen – bedeutete das Gefängnis letztlich nicht das Ende all seiner Hoffnung?

 

„Ich glaube; hilf meinem Unglauben!“ (Mk 9,34) So lautet die Losung für das zu Ende gehende Jahr 2020. Das Beispiel des Johannes zeigt uns, dass der Zweifel zu unserem Glauben immer dazugehört. Ich denke, auch wir kennen solche Situationen, die wir mit unserem Vertrauen auf Gott nicht mehr zusammenkriegen: Wenn mich etwa der Ehepartner scheinbar aus heiterem Himmel verlässt und für mich mein ganzes bisheriges Leben zusammenstürzt. Wenn eine schwere Krankheit mir den Boden unter den Füßen wegzieht. Wenn der Tod eines geliebten Menschen mich einsam zurücklässt. Wo ist in diesem Moment Gott? Trägt uns dann die Hoffnung auf sein Reich noch? Hat sich mein sehnsüchtiges Warten auf Erlösung wirklich gelohnt oder hat es mich nur umso mehr enttäuscht? Ich kann gut verstehen, dass Johannes es genau wissen wollte und dass Menschen es heute genau wissen wollen, ob sich ihr Glaube an diesen Jesus wirklich auszahlt und uns im Leben tatsächlich trägt!

 

Und zugleich frage ich mich, woher eigentlich mein Anspruch kommt, dass in meinem Leben immer alles glatt laufen muss. Muss sich mein Glaube an Jesus und mein Vertrauen in ihn nicht gerade dann erst bewähren, wenn alles fraglich wird? Wenn das Bisherige mich nicht mehr hält, sondern ich nur noch etwas Neues erwarten kann? Die Adventszeit will uns ja gerade dafür sensibel machen: Dieses Kind, das da in der Heiligen Nacht in unsere Welt kommt, wird unser Leben verändern. Dann werden wir viel an Liebgewordenem und Altvertrautem über Bord werfen müssen.

Oder wie Helmut Siegel schreibt:

Entschluss

aufhören

auf das zu sehen

was ankommt

anfangen

auf den zu sehen

der ankommt

 

 

 

Liebe Gemeinde!

Glaube kann nie erzwungen werden, wir können nur dazu einladen. Wo ich aber diesem Jesus vertraue, da eröffnen sich mir neue Lebensräume. Jesus antwortet dem Johannes deshalb auch nicht: „Klar bin ich der erwartete Messias! Wie kannst Du nur daran zweifeln?“ Sondern Jesus will ihm die Augen öffnen: Blinde sehen und Lahme gehen, Aussätzige werden rein und Taube hören, Tote stehen auf und Armen wird das Evangelium gepredigt.

Das Neue hat mit Jesus schon begonnen. Was die Propheten uns verheißen haben, das wird im Mann aus Nazareth bereits greifbar. Wir erleben durch ihn immer wieder ein Stück Reich Gottes mitten in unserem Alltag. Lass Dich doch auf diese neue Sichtweise ein! Vertraue darauf, dass dieser Jesus unsere Welt verwandelt. Du wirst sehen: Diese Veränderung beginnt schon jetzt in Deinem Leben, wenn Du nur diesem Jesus vertraust.

Blinde sehen und Lahme gehen, Aussätzige werden rein und Taube hören, Tote stehen auf und Armen wird das Evangelium gepredigt.

Worauf Jesus den Täufer im Gefängnis hinweist, um seinen Glauben zu stärken, sind tatsächliche Veränderungen. Veränderungen, die zeigen, dass Gott sich nicht abfindet mit beschädigtem Leben, sondern für uns ganzes und volles Leben will: Zusammenleben und Gemeinschaft. Gott schließt keinen Frieden mit dem, was uns voneinander trennt, schon gar nicht mit dem Tod. Aber auch Blindheit und Taubheit, Lähmungen, Aussatz und Armut sind Trennungen und Schranken zwischen Menschen – nicht nur für das Leben der Betroffenen, sondern auch für die Gemeinschaft mit anderen.

 

Jesus will und kann uns davon befreien. Wir nennen uns Christinnen und Christen, weil wir in Jesus Christus, in seinen Taten und Worten den Messias zu erkennen glauben und uns darum auch zu ihm bekennen. Und wir erleben  immer wieder, wie Menschen, die verblendet waren, auf einmal einen neuen Durchblick bekamen und sich seither nicht mehr alles gefallen lassen. Oder welche, die immer alles still und brav geschluckt haben, die plötzlich den Mund aufmachen und für sich selbst reden. Verbogene und Verkrümmte, die sich aufrichteten und sich jetzt frei bewegen. Menschen, deren Leben so verdüstert und finster war, dass sie schon zu Lebzeiten todesstarr wurden, die wieder lebendig wurden und neue Luft zum Atmen bekamen. Das erleben wir sicher nicht jeden Tag, aber wir erleben es immer wieder. Deshalb ist unser Bekenntnis zu Jesus als dem Messias kein fester Besitz, sondern es ist ein Experiment der Hoffnung. Wir sollen unsere Welt so sehen, dass unser Heil schon begonnen hat, was immer auch dagegen sprechen mag.

Liebe Gemeinde!

Hoffen wir, dass Jesu Antwort Johannes den Täufer in seiner Haft gestärkt hat. Er hatte ja sein Leben lang das Volk Israel auf die Ankunft des Messias vorbereitet – wenn man so will, hat er das Programm für das „Warten auf das Christkind“ gemacht. Nicht mit süßen Geschichten oder gefühlvollen Melodien, sondern mit dem Aufruf zur Buße. Wenn der Messias kommt, dann können wir nicht weitermachen wie bisher. Dann müssen wir umkehren von unserer Flucht vor Gott und ihm entgegengehen. Dann müssen sich unsere Prioritäten im Leben ändern. Dann müssen wir neu nach Gottes Geboten und seinem Willen fragen. „Wie soll ich Dich empfangen und wie begeg’n ich Dir?“, fragt eines unserer Adventslieder. Advent darf uns deshalb auch nicht zur bloßen Vorweihnachtszeit verkommen, sondern Advent ist Zeit der Vorbereitung auf das Kommen des Messias.

Im chassidischen Judentum Osteuropas war das Warten auf den Messias und die Vorbereitung darauf immer sehr lebendig. Fromme Chassidim rechneten praktisch täglich damit, dass das Reich Gottes anbrechen könnte. Ja immer wieder wurde sogar überlegt, wie man das Kommen des Messias noch beschleunigen könnte. Vielleicht nehmen wir uns am chassidischen Judentum in der Adventszeit ein Beispiel und spüren wieder neu unserer Sehnsucht nach, dass Jesus bald auch zu uns kommt. Dieses bange Warten hätte dann sicher auch Folgen für unser eigenes Leben und für unser Miteinander. Wie wir uns auf das Kommen des Messias vorbereiten können, davon sagt der chassidische Rabbi Pinchas: „Auch für die Bösen unter den Völkern der Welt sollen wir beten, auch sie sollen wir lieben. Solange wir nicht so beten, solange wir nicht so lieben, wird der Messias nicht kommen.“ Amen

Predigt über Offenbarung 21,1-7

Liebe Gemeinde,

nun ist es schon 25 Jahre her, dass mein Vater tot ist. Vor ein paar Wochen lief die Frist für sein Grab auf dem Friedhof ab. Mein Vater ist damals völlig unerwartet mit 61 Jahren an einem Herzinfarkt gestorben. Wir hatten morgens noch miteinander telefoniert, und als ich abends heimkam, fand ich die Nachricht auf meinem Anrufbeantworter, dass er ins Krankenhaus eingeliefert worden war. Zwei Tage später starb er dort – Gott sei Dank konnte ich mich noch von ihm verabschieden, auch wenn er im Koma lag.

Ich erinnere mich, wie erschrocken ich damals war: Von einem Moment auf den anderen hatte sich das Leben völlig verändert. Und mir ist der Schmerz noch ganz präsent, wie mein Vater da in der Aussegnungshalle vor mir lag, ich ihn aber nicht mehr erreichen konnte. Dann waren da natürlich Fragen, die in mir hochkamen: Was hätte er mit meiner Mutter und uns noch alles an Schönem erleben können, wo er doch gerade in Pension gehen wollte? Und war das wirklich Gottes Wille, dass mein Vater so von uns weggerissen wurde? Fragen, auf die es letztlich keine Antworten gibt, so sehr man sie auch hin und her wendet …

 Unter den der Kondolenzpost damals war auch der Trauerbrief eines engen Freundes, der unsere Familie gut kannte. Er schrieb sehr einfühlsam, dass ihm eigne Worte fehlten, aber er mir die Worte des Sehers Johannes schreiben wolle aus dem 21. Kapitel der Offenbarung. Sie sind heute auch unser Predigttext. Ich lese die Verse 1-7 nach der Guten-Nachricht-Übersetzung. Sie sind überschrieben „Der neue Himmel und die neue Erde“:

1 Dann sah ich einen neuen Himmel und eine neue Erde. Der erste Himmel und die erste Erde waren verschwunden und das Meer war nicht mehr da.

2 Ich sah, wie die Heilige Stadt, das neue Jerusalem, von Gott aus dem Himmel herabkam. Sie war festlich geschmückt wie eine Braut für ihren Bräutigam.

3 Und vom Thron her hörte ich eine starke Stimme rufen: »Dies ist die Wohnstätte Gottes bei den Menschen! Er wird bei ihnen wohnen, und sie werden seine Völker sein. Gott selbst wird als ihr Gott bei ihnen sein.

4 Er wird alle ihre Tränen abwischen. Es wird keinen Tod mehr geben und keine Traurigkeit, keine Klage und keine Quälerei mehr. Was einmal war, ist für immer vorbei.«

5 Dann sagte der, der auf dem Thron saß: »Gebt Acht, jetzt mache ich alles neu!« Zu mir sagte er: »Schreib dieses Wort auf, denn es ist wahr und zuverlässig.«

6 Und er fuhr fort: »Es ist bereits in Erfüllung gegangen! Ich bin das A und das O, der Anfang und das Ende. Wer durstig ist, dem gebe ich umsonst zu trinken. Ich gebe ihm Wasser aus der Quelle des Lebens.

7 Alle, die durchhalten und den Sieg erringen, werden dies als Anteil von mir erhalten: Ich werde ihr Gott sein und sie werden meine Söhne und Töchter sein.

Liebe Gemeinde,

was mir damals in meiner Trauer gut getan hat und was mir bis heute gut tut, wenn diese Worte bei Beerdigungen gelesen werden, ist der Ausblick auf das Neue, das Gott schaffen wird. Gott sieht unseren Schmerz, aber er wird unsere Tränen abwischen. Denn er wird dem Tod nicht das letzte Wort lassen, sondern wird ihm den neuen Himmel und die neue Erde entgegensetzen, wo Trauer, Klage, Qual und eben der Tod selbst keine Macht mehr haben.

Wolfhart Koeppen schreibt dazu einmal:

„Am Ende steht nicht der Schmerz. Am Ende stehst du, Gott. Mit dir kann ich annehmen, was wehtut, mich wehren, so gut es geht, durchhalten, wenn es sein muss, ja sagen, widerstehen, hoffen und so erfahren: Am Ende steht nicht der Schmerz. Am Ende stehst du, Gott, Weg, Wahrheit und Leben für mich.“

 

Alle, die schon einen geliebten Menschen verloren haben, wissen darum: Niemand kann ihn uns ersetzen. Die Lücke bleibt, die er in unserem Leben hinterlassen hat. Was wir nicht miteinander gelebt haben, das können wir nicht nachholen – so unerbittlich ist der Tod. Und was wir einander schuldig geblieben sind, das bleibt auch offen, so weh das manchmal tut. Gerade diese Endgültigkeit macht uns den Abschied von geliebten Menschen so schwer. Da hilft dann auch alles nachträgliche Hadern nichts mehr: „Ach hätte ich doch …“

Nein, wir Menschen haben es eben nicht mehr in der Hand, was nach dem Tod kommt. Er schafft scheinbar unabänderliche Fakten. Was uns bleibt, ist allein die Hoffnung auf Gott, der stärker ist als der Tod. Die Hoffnung darauf, dass er jede unserer Tränen sieht und sie einmal abwischen wird. Die Hoffnung darauf, dass aller Schmerz und alles Leid einmal ein Ende haben werden. Die Hoffnung darauf, dass in einem neuen Himmel und auf einer neuen Erde wir noch einmal ganz anders miteinander leben werden – voller Liebe, voller Frieden, voller Harmonie.

Diese Vision des Sehers Johannes ist keine billige Vertröstung. Die Offenbarung ist für verfolgte Christen geschrieben – die hätten es ihm nicht durchgehen lassen, wenn es nur Geschwätz gewesen wäre. Sondern Johannes stellt alles Leid in das Licht Gottes und weist so über den erfahrenen Schmerz hinaus.

Liebe Gemeinde,

eines aber macht die Vision des Johannes ganz deutlich: Wir selbst können das Neue nicht machen oder erzwingen. Wir können es nur erhoffen und erbeten. Denn es kann uns nur von Gott geschenkt werden.

Wo immer Menschen versucht haben, eine schöne, neue Welt zu erschaffen, ist dieser Versuch schiefgegangen – meistens mit furchtbaren Folgen: Denken Sie an den Kommunismus, der für sein Ideal einer klassenlosen Gesellschaft über Leichen ging. Oder denken Sie an den Nationalsozialismus, der für seine Vorstellung einer reinen arischen Rasse Millionen Menschen ermordet hat. Oder denken wir an religiöse Fundamentalisten heute, die für die vermeintliche Reinheit des Gottesvolkes alle Ungläubigen ausmerzen wollen. Der Schriftsteller Helmut Zöpfl bringt es auf den Punkt:

„Wenn man sich anschaut, was die Menschen im Laufe der Geschichte alles angestellt haben: gemartert und gefoltert, erschlagen und erdrosselt, aufgehängt, erschossen, vergiftet, angezündet, abgebrannt und verwüstet, alles bloß, wie sie gesagt haben, im Kampf gegen das Böse in dieser Welt. Wenn man sich das so anschaut, dann könnte man fast mehr Angst als vor dem Bösen vor denen haben, die das Gute durchsetzen wollen mit Gewalt.“

Nein, den neuen Himmel und die neue Erde kann allein Gott selbst schaffen. Wir bleiben dieser alten Welt verhaftet. Aber die Hoffnung auf das Neue, das Gott uns verheißen hat, kann uns wertvolle Einsichten für unser Leben hier und heute schenken:

Zum einen sollten wir nicht auf letzte Heilsversprechungen in Politik und Gesellschaft hereinfallen. Wer uns das Paradies verspricht, der will uns in der Regel nur hinters Licht führen. Was wir Menschen tun können, ist freilich, diese Welt ein Stück besser zu machen, für mehr Gerechtigkeit zu sorgen, wenigstens ein bisschen Frieden zu stiften und die Schöpfung zu bewahren. Dabei werden unsere Versuche immer bruchstückhaft bleiben, wir werden die Welt nie retten und sicher nie die perfekte Gesellschaftsordnung schaffen können. Aber diese Einsicht kann ja auch entlastend sein: Besser ein paar konkrete Schritte getan als für ein unerreichbares Ideal über Leichen zu gehen! Wir dürfen zu unseren Grenzen stehen – dazu, dass wir Menschen eben nicht allmächtig sind, aber wir sollen in unserem Verantwortungsbereich so leben, dass die Welt gerechter, friedlicher und weniger ausgebeutet wird. So leben und handeln, dass in unserem Tun für einen Moment etwas von der neuen Welt Gottes aufleuchtet, das wäre schon viel – und mehr wird von uns auch nicht verlangt.

Zum anderen aber sollen wir die Sehnsucht nach Gottes neuer Welt in uns wach halten. Wir gehen nicht verloren in einer endlosen Nacht, sondern wir werden leben in der ewigen Gegenwart Gottes. Denn er selbst wird dann unter uns Menschen wohnen, sagt der Seher Johannes. Alles Trennende von Gott, der tiefe Graben zwischen ihm und uns, die Ferne zu ihm, unter der wir so oft leiden – sie werden überwunden sein. Nicht der Tod ist das Ende unseres Lebens, sondern uns erwartet das Licht Gottes. Das ganze Buch der Offenbarung ist erfüllt von der Hoffnung auf diese Zukunft. Darum schließt es auch mit dem Ruf: „Maranatha – komm, Herr Jesus, komm bald.“ (22,20) Damit wir wieder vereint sind mit den Menschen, die wir verloren haben. Denn eines ist sicher: Wir werden in dieser neuen Welt unsere Lieben wiedersehen. Und alle anderen aber auch – dann aber versöhnt und verwandelt. Amen

Predigt über Lukas 16,1-9

 

Liebe Gemeinde,

es gibt Einschnitte in unserem Leben, die bedeuten eine wirkliche Zäsur:

Danach ist nichts mehr, wie es vorher war.

Wir müssen uns dann neu orientieren und unser Leben ganz anders als bisher ausrichten.

Viele von uns kennen das aus eigener Erfahrung – sei es aufgrund einer schweren Krankheit, sei es der Eintritt in den Ruhestand, sei es die Trennung von einem Partner oder ein anderes gravierendes Ereignis.

 

Ein Buch, das mich sehr beeindruckt hat, trägt den Titel „Diktate über Sterben und Tod“. Geschrieben hat es der Züricher Jura-Professor und Schriftsteller Peter Noll.

Es ist eine Art Tagebuch, das er im letzten halben Jahr seines Lebens ganz bewusst geführt hat.

Peter Noll erfuhr Ende 1981, dass er schwer an Blasenkrebs erkrankt war.

Damals waren die medizinischen Behandlungsmethoden noch nicht so weit wie heute und die Folgen einer Operation waren sehr einschneidend.

Trotz des dringenden Ratschlags der behandelnden Ärzte entschloss sich deshalb Peter Noll, dass er nicht operiert werden wollte. Er wusste, dass er aufgrund seiner Entscheidung nur noch wenige Monate zu leben hatte.

Peter Noll nahm sich vor, die ihm verbliebene Zeit so zu leben, wie er eigentlich schon immer leben wollte, aber wegen seines Berufes und der gesellschaftlichen Rahmenbedingungen nie leben konnte.

Vor allem wollte er sich den Traum einer Amerika-Reise erfüllen und dort einige Tage den Grand Canyon besuchen.

Mit aller Kraft, die ihm die fortschreitende Krebserkrankung noch ließ, machte er die Reise und erlebte besonders die eindrucksvolle Natur dort im Grand Canyon noch ganz intensiv. Ein halbes Jahr später war er tot – sein beeindruckendes Tagebuch erschien posthum.

Beim Lesen dieser letzten Aufzeichnungen von Peter Noll kommen einem Fragen in den Sinn: Wie habe ich mein bisheriges Leben gelebt und wie möchte ich es angesichts der eigenen Endlichkeit weiterleben?

Wie kann ich auch mit Einschränkungen ein Leben in Würde gestalten?

Und wer beurteilt eigentlich, ob mein Leben nun gelungen ist oder nicht?

Fragen, die sich umso bedrängender stellen, wenn plötzlich so ein Einschnitt kommt, der den gewohnten Lauf der Dinge unterbricht.

Auch in unserem heutigen Predigttext aus dem 16. Kapitel des Lukasevangeliums geht es um eine solche Zäsur im Leben. Und Jesus erzählt uns dort von einem Mann, der eigentlich keine Chance mehr hat und sie dennoch nützt. Ich lese die Verse 1-9 nach der Basis-Bibel:

1 Dann sagte Jesus zu den Jüngern:

»Ein reicher Mann hatte einen Verwalter.

Über den wurde ihm gesagt,

dass er sein Vermögen verschwendete.

2 Deshalb rief der Mann den Verwalter zu sich

und sagte zu ihm: ›Was muss ich über dich hören? Lege deine Abrechnung vor!

Du kannst nicht länger mein Verwalter sein.‹

3 Da überlegte der Verwalter: ›Was soll ich nur tun? Mein Herr entzieht mir die Verwaltung. Für schwere Arbeit bin ich nicht geeignet. Und ich schäme mich, betteln zu gehen.

4 Jetzt weiß ich, was ich tun muss!

Dann werden mich die Leute in ihre Häuser aufnehmen, wenn ich kein Verwalter mehr bin.‹

5 Und er rief alle einzeln zu sich,

die bei seinem Herrn Schulden hatten.

Er fragte den Ersten:

›Wie viel schuldest du meinem Herrn?‹

6 Der antwortete: ›Hundert Fässchen Olivenöl.‹

Da sagte der Verwalter zu ihm:

›Hier ist dein Schuldschein.

Setz dich schnell hin und schreib fünfzig!‹

7 Dann fragte er einen anderen:

›Und du, wie viel bist du schuldig?‹

Er antwortete: ›Hundert Sack Weizen.‹

Der Verwalter sagte:

›Hier ist dein Schuldschein, schreib achtzig!‹

8 Und der Herr lobte den betrügerischen Verwalter, weil er so schlau gehandelt hatte.

Denn die Kinder dieser Welt sind schlauer im Umgang mit ihren Mitmenschen als die Kinder des Lichts.

9 Und ich sage euch: Nutzt das Geld, das euch von Gott trennt, um euch Freunde zu machen!

Dann werden sie euch in die ewigen Wohnungen aufnehmen, wenn diese Welt zu Ende geht.«

 

Liebe Gemeinde!

Ein irritierendes Gleichnis Jesu ist diese Geschichte. „Frechheit siegt!“ könnte als Überschrift darüberstehen. Aber kann uns Jesus wirklich einen so windigen Typen wie diesen Verwalter als Vorbild hinstellen?

Einen, der wie ein Silvio Berlusconi oder ein Donald Trump, sich willkürlich über Recht und Gesetz hinwegsetzt, um seine Schäfchen ins Trockene zu bringen?

Einen, der Lug und Trug ganz bewusst einsetzt? Wir reiben uns erstaunt die Augen.

Wenn man freilich die Situation genauer in den Blick nimmt, dann wird einem dieser Verwalter fast schon sympathisch: Er hat etwas von einem Robin Hood oder einem Schinderhannes, die ja auch den Reichen ihr Geld geraubt haben, um es wenigstens teilweise auch an die Armen zu verschenken.

 

Da war ein reicher Großgrundbesitzer, der wahrscheinlich gar nicht einmal vor Ort gewohnt hat, sondern der es sich in Jerusalem, in Caesarea am Meer oder vielleicht sogar in Rom gut gehen ließ. Er lebte von der Pacht und der Arbeit der Tagelöhner auf seinen Ländereien. Wer seine Abgaben nicht pünktlich bezahlen konnte, bekam einen Schuldschein ausgeschrieben. Zins und Zinseszins nahmen den Untergebenen oft jede Luft zum Atmen. Hatten die Schulden dann eine gewisse Höhe erreicht und konnten nicht mehr zurückgezahlt werden, mussten die Tagelöhner sich und ihre Familien in die Schuldknechtschaft verkaufen. Der Großgrundbesitzer selbst machte sich dabei freilich seine Hände nicht schmutzig. Dafür hatte er ja seinen Verwalter, der die Dinge direkt mit den Betroffenen regeln sollte. Solange das Geld floss, kümmerte Das Schicksal der Tagelöhner die Reichen wenig.

 

Nun war der Verwalter in unserer Geschichte sicher kein Unschuldsengel. Den Vorwurf, seinen Herrn betrogen zu haben, versucht er auch erst gar nicht zu entkräften. Dass er gefeuert würde, war ihm klar – jetzt ging es nur noch darum, seine Haut irgendwie zu retten. Weil er aber offensichtlich hartes Arbeiten nicht gewohnt war, allerdings auch nicht betteln gehen wollte, musste er sich nun etwas einfallen lassen. Dem Verwalter blieb wenig Zeit, um seine Zukunft abzusichern und für ein Leben in Würde zu sorgen.

Die Lösung, die er schließlich findet, ist so kreativ wie sozial: Der Verwalter schafft sich Freunde, indem er ihnen Teile ihrer Schulden erlässt. Dabei geht es nicht ganz sauber zu, aber die Tagelöhner, die dem Großgrundbesitzer noch Olivenöl und Getreide schulden, können dadurch wieder aufatmen. Denn die erlassenen Schulden entsprechen umgerechnet etwa der Arbeitsleistung von zwei Jahren. Und fordert nicht die Bibel selbst, dass alle sieben Jahre eigentlich die Schulden jedes Israeliten erlassen werden sollen? Ja, dass alle sieben mal sieben Jahre im sogenannten Jubeljahr sogar jeder wieder seinen ursprünglichen Landbesitz zurückbekommen soll, damit eben alle genug zum Leben haben und die himmelschreiende Schere zwischen Armen und Reichen nicht immer weiter auseinandergeht?

 

Der Verwalter in unserem Gleichnis rettet sicher vorrangig seine Haut, weil er auf die Dankbarkeit derer hofft, denen er mit dem Schuldenerlass wieder etwas Luft verschaffen hat. Aber zugleich sorgt er damit für ein Stück Gerechtigkeit.

Hannes-Dietrich Kastner schreibt dazu:

„Hört, Leute! Hört!

Durschaut die Spiele dieser Welt!

Wenn man euch in die Enge treibt, dann schafft euch Raum!

Und definiert die Spiele neu!

Unmöglich, wenn Schuldner Schuldnern Schulden erlassen!

Wo führt das hin? Wo wird das enden?

Selig aber, wer’s erdenkt und wer’s tut!

Wo’s hinführt? Wo’s endet?

Statt Verschulden: Entschulden!

Ein Anfang! Alle Jubeljahre. Wenigstens.“

 

Geld ist dann nicht mehr der Götze, um den sich alles dreht. Sondern Geld wird in unserer Geschichte zum Mittel, mit dem wenigstens ein Stück Gerechtigkeit verwirklicht wird – so, wie Gott sich seine Welt vorstellt. Darum kann Jesus auch diesen zwiespältigen Verwalter als Vorbild für uns hinstellen.

 

Liebe Gemeinde!

Vor allem aber ist dieser Typ bei aller Dreistigkeit seines Vorgehens doch ein Beispiel dafür, wie wir in Krisensituationen durch kreatives Handeln unserem Leben eine neue Richtung geben können. „Gott hat uns nicht einen Geist der Verzagtheit gegeben, sondern den Geist der Kraft, der Liebe und der Besonnenheit“, heißt es im 2. Timotheusbrief (1,7). Jesus traut uns zu, dass auch wir uns im Vertrauen auf den Heiligen Geist den Herausforderungen des Lebens stellen können.Die Corona-Pandemie macht uns allen schmerzlich bewusst, wie zerbrechlich unser gewohnter Alltag eigentlich ist und wie vergänglich auch unser Leben. Dass es nicht einfach so weitergehen kann wie bisher, ist uns wahrscheinlich allen klar. Wie aber können wir heute so kreativ handeln wie der Verwalter in unserem Gleichnis? Drei Spuren zum Nachdenken möchte ich da legen:

1. Wir müssen wieder lernen, welchen Wert echte Begegnungen untereinander haben.

2. Das Leben hier und jetzt ist kostbar und wir können Gott dafür nur dankbar sein.

3. Wir brauchen neu die Einsicht, im Einklang mit der Schöpfung zu leben – nicht gegen sie.

Nobert Dennerlein schreibt: „Tagtäglich werden uns viele Angebote zu einem glücklichen Leben gemacht. Möge Gott dir in all der Vielfalt der Angebote den Weg zu einem mit Sinn erfüllten Leben zeigen. Möge Gott dir aber auch die Kraft und den Mut geben, diesen Weg dann zu gehen.“ Amen